Lieber ehrlich
Januar 27th, 2012 § 1 Kommentar
Wir versuchen unseren Kindern beizubringen, dass wir Ehrlichkeit am wichtigsten finden. Daher drohen wir selten Strafen an. Fehler machen ist nicht schlimm, das tun wir alle, aber wichtig ist, dass man sich entschuldigen kann. Ich mache das fleißig vor und entschuldige mich ernst, wenn ich herumgebrüllt, irgendwen ungerecht behandelt habe oder – Gott sei Dank kommt das selten vor – ein Kind gehauen habe. Das finden alle besonders schlimm, inklusive mir, die ich das in keinem Falle will, aber leider auch nur ein Mensch mit schwachen Nerven und großem Ruhebedürfnis bin.
Jetzt hat der kleine Riesensohn herausbekommen, wie Lügen funktioniert.
„Melek“, frage ich, einigermaßen beherrscht, als ich Maxe mit acht roten Striemen im Gesicht entdecke. Die Striemen sind rot und beginnen mit einem Blutstropfen und Maxe schreit wie am Spieß, während Sohni in der anderen Ecke des Zimmers spielt, „hast du Maxe gekratzt?“
Abstreiten in dieser Situation halte ich für normal, das machen auch sehr viel ältere Menschen, um ihr Gesicht zu wahren. Aber ich frage später noch einmal nach, als meine Emotionen sich beruhigt haben, und verspreche, nicht zu schimpfen. Immerhin hat Maxe auch gekratzt: Ein roter Striemen unter dem rechten Auge. Um zu beweisen, dass dies sehr, sehr wehtut, hat Melek sich ein schwarzes Piratenpflaster unter das Auge geklebt. Die Zwillinge wollen auch und kleben sich bunte Pflaster auf die Handrücken und -gelenke.
Im Laufe des Tages frage ich noch mehrmals nach, aber es bleibt beim Leugnen. Später gibt es eine weitere Situation, in der er die Schuld auf Sohni schiebt und am Abend noch eine, in der er in der Sekunde nach meinem Verbot etwas tut, das ich so gar nicht gutheiße. Das Fass ist voll, ich brülle und schicke ihn in sein Zimmer.
Blaue Augen sehen mich an, und er weigert sich. Nochmal brüllen. Androhen, dass ich ihn höchstpersönlich hochschleppe, dann geht er. Am Abend gibt es ein ruhiges Gespräch mit dem Papa, in dem jener dem Sohn die Geschichte aus seiner Kindheit erzählt, als er auch in sein Zimmer geschickt wurde, weil er aus lauter Wut, beim Spielen nicht gewonnen zu haben, Brett und Figuren durcheinandergeworfen hat. Und auch, dass sein Papa von ihm eine Entschuldigung verlangt hat.
Dann warten wir unten, bis sich der kleine Riesensohn heranpirscht, sich bei Maxe und Sohni entschuldigt, Maxe macht ebenfalls ei, und dann bin ich dran. Das ist am schwierigsten und ich baue ihm eine Brücke, mit Umarmen und fest drücken.
Ob die Botschaft angekommen ist? Ich finde ehrlich so wichtig, unser ganzes Vertrauen basiert darauf, dass ich mich darauf verlassen kann, was meine Familie mir berichtet. Aber die Situation wirkt nach. Ernst habe er geschaut, erzählt der Ehemann, und am Abend fragt er noch mehrmals nach, weshalb er heute keinen Film schauen dürfe, und wir erklären ihm den Sinn von Strafe.
„Das ist kein schönes Gefühl, nicht wahr?“ sagt der beste Ehemann von allen, „und es war auch kein schönes Gefühl für die Mama, das soll dir zeigen, dass Lügen nichts Schönes ist.“
Danach ist die Sache vorbei und wir sagen ihm das auch. Entschuldigt und bestraft, wir holen es nicht mehr auf den Tisch.
Da sind wir wieder!
Januar 26th, 2012 § 4 Kommentare
Zusammenpacken und bis um 10 Uhr abfahren ist kein Spaß und wenn noch kleine Kinder um einen kreisen, fast unmöglich. Glücklicherweise konnte ich die Zwillinge noch in die Kinderbetreuung bringen. Sonst hätte ich das wohl nicht geschafft. Der nächste Zug fuhr erst zwei Stunden später und solange wollte ich dann doch nicht warten.
Emotionale Abschiede sind ja nicht so meins und so begnügte ich mich mit einem „Tschüß, Mädels!“ in den großen Esssaal, als ich mich auf den Weg ins Zimmer machte, um das Gepäck vor die Tür zu stellen. Es gibt ja noch faceb**k, das macht Abschiede ja leichter.
Zuerst fuhren wir Bummelbahn, in der uns ein freundlicher älterer Herr interviewte, was der Grund unserer Reise wäre und mit welchem Ticket wir führen. Also erklärte ich freundlich, ich käme gerade von einer Mutter-Kind-Kur („Sind das alles Buben?“) und führe mit dem Studententicket. Er hob kaum die Augenbrauen…
Auf dem nächsten Bahnhof hatten wir 24 Minuten Zeit, um auf den nächsten Zug zu warten. Glücklicherweise fuhr mit mir auch noch eine ander Mutter mit zwei „Buben“ fast dieselbe Strecke, so dass zwei Mütter auf fünf Kinder gucken konnten und ich die Zwillinge laufen lassen konnte. Sohni nahm Kontakt zu der Notrufsäule auf, die ihn irgendwann auf Warteschleife stellte (hoffentlich gibt es keine Kamera in dem Gerät), nachdem eine freundliche Frauenstimme versuchte, ihn zu sprechen zu bringen. Bis auf ein enthusiastisches „Da!“ dürfte sie aber wohl nicht viel aus ihm herausbekommen haben.
Dann kam der nächste Zug, in dem ich eine Uhr fand (klar, habe ich die abgegeben), und die Kinder ihre Zeit damit verbrachten, ihre Autos die Klappsitze hinunterfahren und gleichzeitig dieselben hochschnellen zu lassen. Die Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Es gab Saltos, glatte Durchfahrten und fliegende Hotwheels, bis ich irgendwann die Konfiszierung androhte. Die übrigen Mitreisenden hatten uns zu diesem Zeitpunkt schon längt verlassen
.
Die Kinder fanden schnell eine Alternative, die Klotür nämlich, die man per Knopfdruck öffnen und schließen kann. Ihr kennt die sicherlich, diese bogenförmigen Schiebetüren, die jedesmal, wenn sie den Zugang zum Kloräumchen freigeben, die Reisenden mit einem Schwall miefiger Luft beglücken. Wenn man diese Türen ungefähr 50 mal auf und zu gedrückt hat, wird diese bockig und streikt. Sohni hatte kein Mitleid und schob sie dann per Hand auf und zu. (Später funktionierte sie wieder, so dass sich meine Schamgefühle in Grenzen halten konnten.)
Bis auf zerkrümelte Sesamstangen hinterließen wir denn keine Spuren und als wir daheim ankamen, war es zwar zu spät für den Mittagsschlaf, aber dafür waren die Zwillinge relativ früh im Bett, natürlich nicht, ohne unser Haus wieder in einen für Kinder annehmbaren Zustand zu versetzen.
Und das Schönste ist die Freude, wieder da zu sein und auch die Freude, die Freude der Kinder zu beobachten, als sie den Papa wiedersahen.
„Der Papa ist da“, informierte ich die Bande, als ich ihn vor der Haustür erblickte.
„Papa???“ Sohni sprang wie elektrisiert auf und rannte zur Tür. Und dann haben wir gekuschelt, uns geküsst, umarmt und auf dem Sofa geschmust. Ich erinnerte mich an den letzten Kursonntag, als der beste Ehemann von allen Maxe und Melek wieder brachte, nachdem die drei das Wochenende bei der Oma verbracht hatten. Auch da wurde geküsst und die drei Brüder haben sich gegenseitig zärtlich umarmt. Bruderliebe. Männerliebe. Familienleben. Liebesliebe. Kur ist schön, mein Leben auch.
Kurbild
Januar 22nd, 2012 § 1 Kommentar
Kursport
Januar 21st, 2012 § Hinterlasse einen Kommentar
http://www.youtube.com/watch?v=Qwvf2OtpSPI
Meine neu erwachte Freude an der Bewegung erstreckt sich jetzt glücklich auch auf das Landleben, nachdem ich vorher Gymnastik nur im Wasser gemacht haben, und zwar dank Frau Conradies, die mit uns und „Piece by Piece“ von Katie Melua (
http://www.youtube.com/watch?v=Qwvf2OtpSPI
) die Wirbelsäulengymnastik tanzte. Damit hat sich auch das Problem mit meinem geraden Rückenstrecker erledigt, was der Muskel entlang der Wirbelsäule ist, und auch das Problem der Muskeln, die man braucht, um die Schultern unten zu lassen; ich ziehe die nämlich auch gerne nach oben, was zu Betonmuskeln und argen Schmerzen führt. Den geraden Rückenstrecker kann man leider im Wasser nicht trainieren, es sei denn, man ist ein Seehund und kann mehrere Minute die Luft anhalten, während man im Vierfüßlerstand auf dem Boden des Schwimmbeckens steht und abwechselnd die Flossen hebt.
Jedenfalls gedachte ich heute Frau Conradies, der Wirbelsäulengymnastik und Katie Melua und machte meine Übungen, um meinen Wirbeln stärkere muskuläre Unterstützung zukommen zu lassen.
So dachte ich. Und die Gelegenheit war günstig, denn zwei Kinder weilen derweil beim Papa und Oma I und außerdem trieb mich mein schlechtes Gewissen an, weil ich heute lieber meine Haare rot gefärbt habe als meine Wassergymnastik zu machen, während Sohni im Kinderhaus weilte.
Nun aber: Auf den Boden legen und die Arme laaang nach vorne ausstrecken, mit und ohne den Kopf zu heben.
„Sohni“, murmel ich, während ich versuche, die Arme angewinkelt in Richtung Beine zu ziehen, „geh mal aus meinem Gesicht.“
Sohni kichert. Schmusestunde mit Mama, denkt er, und kriecht unter meinem Kinn hervor.
Sohni ist brav und rollt sich zur Seite, allerdings nicht ohne von mir zu verlangen, ihm die blauen Socken von den Füßen zu rollen. Also gut.
Beide Arme sind wieder frei und werden nach vorne und hinten gebeugt, gehoben, gestreckt und…
„Sohni! Au!“ rufe ich. Sohni balanciert auf meiner linken Wade, krabbelt auf meinen Rücken und will dann, dass ich ihm die Socken wieder anziehe. Seufz.
Jetzt anders: Auf Knien und Händen mache ich einen Katzenbuckel und lasse die Wirbelkörper rollen und dann linker Arm nach vorne, gleichzeitig das rechte Bein gerade nach hinten…
Sohni kriecht unter meinen Bauch und verwandelt sich in einen Tiger. Einen gefräßigen Tiger, der sich in meinem T-Shirt verbeisst, das von meinem weichen Bauch herunterhängt, auf welchen man prima klatschen kann. Das wackelt und macht Spaß. Also kitzeln des kleinen Tigers, bis der sich kichernd hervorwindet.
„Mach doch mit“, schlage ich vor, „und hopp!“
Der kleine Tiger trollt sich und ich dehne noch ein bisschen die Beinmuskulatur, spanne die graden und schrägen Bauchmuskeln an, rolle mit den Schultern und denke mit ein bisschen Wehmut an zu Hause. Mitnehmen werde ich viel. Auch wenn meine Physiotheraeutin, die Kinder- und Jugendpsychologin und Frau Conradies nicht in meinen Koffer passen und auch nicht gewillt sind, mich zweimal pro Woche zu besuchen. Aber ein paar gute Gewohnheiten werden mitreisen, und in einigen Wochen können auch kleine Tiger ihre Lendenwirbel rollen. Ganz sicher.






