Hommage an Oma

1. Dezember 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Hallo, Oma,

schon lange wollte ich dir schreiben, ja dir, auch wenn du schon lange nicht mehr in deinem kleinen Haus wohnst und deine Enkelkinder, meine Söhne, niemals zu Gesicht bekommen wirst.

Im Himmel vielleicht, mein Gott, ich hoffe so sehr, im Himmel.

Jetzt bin ich froh darüber, dass ich dich immer wieder gefragt habe, als du schon richtig alt warst, wie es denn war, früher, wie du ihn kennengelernt hast, den Opa, als du jung warst und er auch.

Wie es denn war, früher, als es noch keine Waschmaschinen gab, keine Staubsauger, keine Einwegwindeln und keine Heizung im Haus, sondern einen großen Kessel, Teppiche, die im Winter im Schnee ausgeklopft wurden, und zwei Öfen, die mit Holz beheizt wurden.

Wie es war, so kurz nach dem Krieg, in euer Siedlung, mit drei kleinen Kindern, einem großen Garten, der bis auf den letzten Quadratmeter mit Gemüse bebaut wurde, mit einer Hühnerschar und einem Schwein, das von Küchenabfällen lebte und irgendwann geschlachtet wurde und das jedes Jahr Moritz hieß.

Wie hast du das bloß geschafft, Oma? Drei Kinder zu gebären, alleine natürlich, denn Männer waren ja nicht erwünscht, dort im Krankenhaus, damals als die PDA noch nicht erfunden war, die Kinder in Stoffwindeln gewickelt wurden und dann mit den Babys in einem Haus mit Holzöfen und einem Klo draußen vor der Tür, das aus Balken und einem großen Eimer bestand, der jeden Tag zum Komposthaufen getragen werden musste.

Wie hast du es bloß geschafft, drei kleine Kinder im Haus zu haben (die einen zur Weißglut treiben können, ja, das weiß ich inzwischen), ohne einen Erziehungsratgeber in der Hand, ohne Internet mit seinen zahlreichen Listen, ohne die pädagogisch angeleitete Krabbelstunde zwei Straßen weiter.

Du hast hart gearbeitet, Oma, und der Krieg hat dich geprägt. D u hast mir deine Schullektüre gezeigt, die damals aus einem einzigen Buch bestand, und trotz dieser wenigen Bildung, warst du immer interessiert am Leben, hast Nachrichten gesehen, die Zeitung gelesen, bist zur Wahl gegangen und wenn ich zu Besuch kam, hast du mich gefragt, wie es mir geht.

Wir haben nie tiefsinnige Gespräche geführt, nur einmal, als ich wissen wollte, ob du an Gott glaubst und an Jesus.

Als ich deine Lebensgeschichte aufschreiben wollte, habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass die Emotionen fehlten, ich sollte nur die Fakten aufschreiben, Daten, Begebenheiten. Das konnte ich nicht, aber so habe ich erfahren, wie du die Welt siehst.

Vielleicht war in der Welt, in der du gelebt hast, kein Platz für Emotionen, obwohl ich auch weiß, dass du traurig gewesen bist, über den Teufel, der Opa besessen hat, über Menschen, die starben, über die Kleinkindzeit deiner Kinder. Eindringlich hast du mich ermahnt, wenn ich mal Kinder haben sollte, Zeit mit ihnen zu verbringen und zumindest die ersten drei Jahre mit ihnen ganz zu genießen, die schönsten Jahre der Kindheit, sagtest du, die du mit Arbeiten verbracht hast. Du warst auch traurig darüber, dass du so streng mit deinen Kindern warst, aber weißt du, Oma, jetzt verstehe ich dich, und wenn ich streng mit deinem großen Enkelsohn bin, zu streng vielleicht, gestern zum Beispiel, dann denke ich auch an deine Worte.

Drei kleine Kinder zu haben, finde ich, ist eine Herausforderung, und ich habe Hilfe. Ich habe einen Mann, der im Haushalt werkelt, den kleinen Großen morgens in de Kindergarten bringt, ich habe Wegwerfwindeln und Fläschchenmilch, Heizkörper und Waschmaschine, Geschirrspüler und Staubsauger, eine Haushaltshilfe und Babysitter – und finde es trotzdem anstrengend, die ganze Mannschaft zu managen.

Da bewundere ich dich, Oma. Früher, da habe ich gedacht, dass das für dich doch mit Links zu stemmen gewesen ist, weil du doch meine Oma warst, jemand, der alles wußte und unheimlich viel Kraft hatte. Heute weiß ich, dass man nur immer erwachsener und älter und reifer aussieht, das innere Ich aber ganz anders aussehen kann. Wie dein inneres Ich wohl ausgesehen haben mag?

Als ich meinen Freund mit zu dir brachte, wurde mir das erste Mal bewußt, dass meine Oma wohl eine besondere war. Als wir alleine in der guten Stube saßen, engumschlungen, und du plötzlich in der Tür standest, saßen wir wieder – ganz brav – nebeneinander, mit einem halben Meter Abstand zwischen uns, und du fragtest, ob wir uns gestritten hätten. Jaja, du wußtest wohl bescheid, wie wir uns mit Blicken verzehrten.

 Oder die Sache mit der Maus, die du triumphierend geschwenkt hast – eingeklemmt und tot in der hölzernen Falle, „die hat die Grätsche gemacht!“ hast du gerufen und über meine entsetzten Blicke und mein empörtes „Oma!“ hast du nur gelacht … und unvergessen auch der Anblick meiner Oma, die, in Kittelschürze, die grauen, dünnen Haare im Knoten im Haarnetz, mit Gummistiefeln an den knotigen Füßen, mit der Axt in der Hand vor mir stand, während ich gerade aus dem Bett geklettert war, und die mir strahlend erzählte, sie hätte schon Holz gehackt. Wohlgemerkt, das warst du schon mehr als 80 Jahre alt.

Und das habe ich auch an dir geschätzt: Wenn ich dich besuchte, durfte ich so sein, wie ich war. Nie hast du mich morgens aus dem Bett geworfen, obwohl du immer früh aufgestanden bist, aber du hast darauf bestanden, dass ich frühstücke, auch wenn das Mittagessen schon in einer Stunde, pünktlich um halb zwölf nämlich, serviert wurde.

Du hast mir besorgt zugeschaut, wie ich mit Rock und fröhlichem Herzen den Rasen gemäht habe, und hattest Panik, dass der Mäher meine weiten Kleider fressen würde (du hattest auch Angst, dass ich das Kabel niedermähen würde, und hast es deshalb hinter mir hergetragen).

Oma, ich spüre noch die Erde deines Gartens zwischen meinen Fingern zerbröseln, als ich die Vogelmiere entfernt habe, spüre den hölzernen Griff des Spatens, mit dem ich Erde umgrub, sehe die Borsten der Abwaschbürste vor mir, die so kurz waren, weil du aus Sparsamkeitsgründen keine neue gekauft hattest. Bis ins hohe Alter hinein warst du sparsam, und als ich dich deswegen kritisiert habe, bist du böse geworden und hast mir erklärt, dass man den Krieg nicht abschütteln kann. Damals habe ich das nicht verstanden, aber heute weiß ich, dass es Erlebnisse gibt, die die tiefsten Schichten der Seele prägen und dass diese Spuren erst mit dem Tod aufhören werden, das Handeln zu lenken.

Und deine letzten Jahre sehe ich noch vor mir. Immer kleiner und dünner bist du geworden, ich sehe dich rauchend vor mir, eine kleine alte Frau, die regelmäßig ihre Zigarette genoß, nie mehr als drei am Tag, die mir als Studentin jede Woche einen Brief schrieb, mit einem Geldschein darinnen, damit ich mir was Schönes kaufen könne … eine kleine alte Frau, die immer älter und kleiner und schwerhöriger wurde, die sich aber weigerte, ihr Hörgerät zu tragen. Auch da bin ich streng mit dir geworden und habe mich dann geschämt, als du einige Wochen später dann einfach so gestorben bist. Ich glaube, dein Lebenswille ist ganz langsam entfleucht, oft hast du gefragt: „Was soll ich denn noch?“ Und ich stand verloren vor dir.

Am Altwerden, so hast du mir erzählt, ist das Schlimmste, dass die Freunde und Verwandten sterben und dass man irgendwann alleine zurückbleibt, Angst vor dem Tod hattest du nicht, nur dass du irgendwann einmal in ein Heim umziehen müsstest. Ich habe dafür gebetet, Oma, dass du zuhause sterben kannst, und dank deiner Tochter, konnte es so geschehen. Ein letztes Mal muss ich noch mit dir schimpfen, Oma, denn auch nach deinem Tod gibt es Dinge, die ich nicht gut an dir fand, aber ich denke, das weißt du auch, wenn du da oben im Himmel hockst und vielleicht noch ab und an an uns denkst, Dinge, die ich dir dann im Himmel einmal erzählen werden, einfach um sie zu klären. Aber ich ahne schon, dass dann dort, wenn wir uns wiedersehen, es vielleicht wichtigeres gibt als das, was mir hier unten wichtig erscheint.

Oma, ich vermisse dich, und ich wünschte mir, ich hätte dir meine Kinder, unter Mühen geboren, noch zeigen können. Den Bütz, unseren großen Sohn, der uns mit seinem Eifer und seiner Lebensfrohnatur bezaubert, du solltest mal sehen, wie er Türme bauen kann und dabei seine Zunge zwischen die Lippen schiebt, Matze-Bär, unser großes Baby, er hat die Gene seines Vaters geerbt und schaut den ganzen Tag sehr nachdenklich, aber wenn man mit ihm redet, dann lacht er über sein ganzes rundes Babygesicht, und Joni, unser kleiner, zarter Hänfling, mit den großen Mandelaugen, der so herrlich giggeln kann, wenn wir ihn am Hals kitzeln, und einfach jeden mit seinem Charme um seinen winzigen Finger wickelt.

Ich bin so froh um jede Erinnerung, die ich an dich habe, und dir dankbar, dass du mir aus deinem Leben erzählt hast. Du warst auf deine Weise eine Person, von der ich lernen konnte, lernen wie es ist, jemandem zu begegnen, der mich einfach so angenommen hat, wie ich bin, und der einfach total stolz auf seine Enkelkinder war. Immer hast du mir ganz positiv von den anderen Enkeln erzählt, mit denen ich keinen Kontakt mehr habe, ja auch der Familiensinn ist in meiner Generation ausgestorben. Und unvergessen auch die Lebensweisheiten, die manchmal etwas trocken daherkamen, aber weißt du was? Sie helfen mir, zb dieser hier: „Tu, wat du wullst, die Lütt snack doch.“ Oder „Jeder hett sinn Vogel, ick hebb meinen och.“

Und jetzt, jetzt stehe ich hier, in der Mitte meines Lebens, genieße das Glück, eine Mutter zu sein, und werde, so Gott will, auch irgendwann einmal eine Oma sein. Bis dahin werde ich tun, was du mir geraten hast, die Zeit genießen, Tränen der Freude weinen und einfach leben.

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