„Neu hier?“ (2) – Bücherei

29. März 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn man neu ist, ändern sich die Gewohnheiten. Die gute Nachricht: Es gibt eine Bücherei hier in der Nähe, die ihren Namen verdient und die ohne lange S-Bahn-Fahrten erreichbar ist. Nachteil: Die Spieleecke ist bescheiden. Es gibt einen Korb mit vermutlich milbenverseuchten gammeligen alten Kuscheltieren und einen Riesenautoteppich allerdings ohne Autos, na ihr wisst schon, diese Teppiche mit Straßen drauf, die kleine Jungenherzen höher schlagen lassen. Der erste Besuch war daher etwas ernüchternd, beim zweiten Besuch sorgt die gute Mutter vor und bringt Spielzeugautos mit in den Kindergarten: „“Kleiner Riesensohn, wir gehen heute in die Bücherei, ich habe Autos für den Autoteppich mitgebracht.“

„Ich will die haben!“

Klar, kriegt er. Der kleine Riesensohn rennt zu Kindergartenerzieherin I (die, die hochsensibel ist, es gibt übrigens ein Treffen der Hochsensiblen hier in der Stadt, da will ich ja mal gucken, was da für Aliens sitzen) und ruft: „Die sind für die Bücherei!“

„???“ (Die halten uns eh schon für spleenig.)

Ich erkläre und dann geht es los. In der Bücherei fühlen wir uns beide wohl. Bücher und Kassetten, CDs und DVDs, was  will man mehr? Erstmal ziehen wir unsere Schuhe und Jacken aus, dann geht es auf den Autoteppich. Wir parken und kaufen bei AL*I ein, fahren zur Tankstelle und springen in den Teich. Außerdem gibt es zahlreiche Unfälle und der Techniker vom AD*C muss kommen. Dann gehe ich mal gucken. Nein, wir gucken beide. Wir lesen das Buch mit den Affen (wichtige Teile des Sozialverhaltens der Bonobobos sind allerdings – kindgerecht – ausgelassen), das Buch von dem Mädchen im Rollstuhl, suchen noch Bilderbücher und Filme aus (der noch-immer-Hit: „Die kleine Rau*e N*mmersatt“) und dann gehe ich mal für mich gucken … bis, ja, bis der kleine Riesensohn laut schreit: „Mama, siehst du meinen *WortmitdasmitPanfängt*?“

Die Mutter atmet innerlich tief durch und wendet sich freundlich um: „Ja, kleiner Riesensohn, ich sehe … „, und dann immer noch freundlich: „Schatz, ziehst du bitte deine Hose wieder hoch, nackig ist für zuhause.“

Der kleine Riesensohn freut sich an seinem Adamskostüm und dreht sich fröhlich: „Mama, siehst du auch meinen *AnderesWortdasmitPbeginnt*?“

Ich schnappe mir den kleinen Frosch, bevor er stiften geht und lenke ab beim Hoseanziehen: „Musst du mal auf die Toilette?“ Begeisterung.

Ich frage die Bibliothekarin (oder wer auch immer an der Theke sitzt), ob es ein Jungsklo gäbe? Gibt es nicht, aber sie weist mir den Weg zu den sanitären Anlagen. Wir stürmen in Richtung Ablenkung, der eine aus Begeisterung, die andere zur Bewachung, und der kleine Riesensohn verkündet lautstark, welche Geschäfte er dort zu unternehmen gedenkt.

Während wir zu zweit in der kleinen Kabine stehen und er und sich die Hose – erlaubterweise – auszieht, schaue ich auf ihn herunter: Ein kleiner, wuschelhaariger Junge, der doch irgendwie schon ganz groß ist.

Da hält er inne: „Mama, ist das hier das Männerklo?“

„Nein, kleiner Riesensohn, das ist das Frauenklo.“

Er stutzt. „Aber das Männerklo ist doch für Männer und für große Jungs?“

Wie erklärt man einem großen kleinen Jungen, dass „groß“ eigentlich eine Frage der Definition ist?

Ich entscheide mich gegen eine direkte Konfrontation.

„Das Problem ist, kleiner Riesensohn, dass ich nicht aufs Männerklo darf, ich darf nur ins Frauenklo. Willst du lieber ins Männerklo? Da musst du aber alleine rein.“

Der kleine Riesensohn legt das Gesicht in Falten und erwähnt beiläufig- ganz Mann von Welt: „Ist mir egal, Mama, ich kann auch hier.“

Beim Abschied lächeln uns alle Mitarbeiter freundlich zu … Bekomme ein Kind und verabschiede dich von der wohltuenden Anonymität einer Stadt … Wir sind angekommen.

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