Ich-bin-Mutter-Krise (1): Über- und Unterforderung

23. August 2010 § 3 Kommentare

Dass Überforderung auf Dauer ein Burn-Out auslösen kann und jedenfalls krankmachend wirkt, klingt ja irgendwie logisch. Umgekehrt gilt dies übrigens auch: Eine permanente Unterforderung kann ebenfalls krank machen.

Unglücklicherweise trifft im Mutterjob nicht selten gleich beides zu:

Die Überforderung besteht darin, plötzlich einen sehr abhängigen kleinen Menschen im Hause zu haben, der weder reden noch sich selber helfen kann. Möglicherweise fühlt man sich manchesmal hilflos und entdeckt auch aggressive Seiten an sich. Das ist normal! Ich kann mich noch gut an die Babytage des kleinen Riesensohnes erinnern, wenn ein Tag ohne Pause und mit viel Geschrei hinter mir lag. Sobald der Ehemann daheim war, habe ich ihm wortlos und völlig genervt das Nervenbündel in die Hand gedrückt und bin schwimmen gegangen.

Sicherlich gibt es auch ruhige Babys, die recht bald durchschlafen, wenig schreien, nicht besonders oft krank sind und überhaupt den retuschierten Wonneproppen aus der Windelwerbung recht ähnlich sind. Aber leider gibt es dann noch die Babys, die schreien und schreien (bis zu drei Stunden im Alter von sechs Wochen sind übrigens normal (Quelle: http://www.kispi.uzh.ch/Kinderspital/Medizin/Medizin/AWE/Publikationen/Schreien_Jenni_MKH.pdf, Seite 4) . Und Babygeschrei kann einem wirklich an die Nerven gehen. Unsere Nachbarin wacht sogar dann auf, wenn eines unserer Kinder nachts brüllt. Mütter haben da einfach empfindliche Antennen (manche Väter vielleicht auch, der beste Ehemann von allen allerdings schläft sogar dann weiter, wenn zwei Kinder gleichzeitig weinen).  In den ersten Wochen daheim hat einer unserer Zwillinge so fies geschrien (ein ganz fürchterlicher schriller Ton, der einem die Haut vom Leib zog), dass wir wirklich aggressiv geworden sind. Da hilft dann nur: Kind sicher betten und sich einige Minuten aus dem Zimmer verziehen, um wieder innerlich ruhig zu werden. Das waren auch die Wochen, in denen wir mit Ohropax in den Ohren herumgelaufen sind (jetzt brauchen wir die beim Non-stop-Informationsfluss des kleinen Riesensohnes).

Dann gibt es noch den teilweise brutalen Schlafmangel, den man bei nur einem Baby möglicherweise noch tagsüber nachholen kann. Das geht dann kaum noch, wenn man schon ein quicklebendiges Kind hat oder wieder angefangen hat zu arbeiten.

Gleichzeitig ist man aber auch unterfordert, denn Haushalt, Babywickeln, -füttern, -stillen ist über längere Zeit gesehen einfach, äh, ein wenig einseitig. Je nach Charakter des Babys fallen dann auch (erstmal) die Hobbies weg, die Zweisamkeitsabende im Kneipchen nebenan, die Kinobesuche, der Kollegenkreis, die Anerkennung (und wenn auch nur die finanzielle), die der Beruf mit sich bringt, auch der Freundeskreis kann wechseln … man lebt plötzlich in anderen Sphären, hat andere Themen und Sorgen, und dazu kommt das schreckliche Wissen: Es gibt kein Zurück.

Wen es beruhigt: Ich habe nur von einer Mutter gehört, die gesagt hat, sie hätte keine Kinder bekommen, wenn sie das alles gewußt hätte … Vielleicht gibt es noch mehr dieser Frauen, aber die sagen das dann jedenfalls nicht, obwohl auch hier gerade ein Tabu gebrochen wird, wenn man aufmerksam den Buchmarkt beobachtet. Die meisten Mütter, so denke ich jetzt mal ganz naiv, würden ihre Kinder aber nicht zurückgeben.

Wie auch immer … Natürlich muss nicht alles, was oben beschrieben ist, auch ein- und zutreffen. Schlimm wird es dann, wenn man das Gefühl hat, die einzige zu sein, der es so geht. Ich hatte das Glück, eine kleine Krabbelgruppe zu finden, in denen die Mütter allesamt sehr ehrlich waren. Und ein Satz ist mir noch im Ohr, nämlich „Alle Mütter sind überfordert.“ Wenn man das weiß, fühlt man sich schon gleich viel normaler 😉 .

Und jetzt würde ich gerne die „Zehn-Tipps, wie man das Über-/Unterforderungsproblem ruckzuck lösen kann“ hier anführen … Die aufmerksame Leserin ahnt es schon: Die gibt es leider nicht. Ich zähle mal ein paar Dinge auf, die mir persönlich geholfen haben, vielleicht ist für die eine oder andere etwas dabei und letzendlich sind wir ja alle so verschieden, dass für jede andere Dinge wichtig sind. Über Ideen von außen freue ich mich natürlich sehr 😀 .

Gegen die Überforderung:

– Mit anderen Müttern reden. Meine Erfahrung ist, dass andere auch anfangen zu reden, wenn man sich mitteilt.

– Wen es übel erwischt hat (ich hatte eine postpartale Depression), kann sich auch an eine Selbsthilfegruppe wenden (http://schatten-und-licht.de/). Ich fand die toll! Lauter Mütter, die mich verstanden haben! Wir haben so schön zusammen geweint.

– Die Prioritäten so setzen, dass man selbst nicht zu kurz kommt. Also: Pausen machen, einen Babysitter engagieren, wieder ausgehen, die Ansprüche an die Haushaltsführung begraben, Oasen einplanen, in denen man wieder Frau sein kann. Viele Dinge, die ohne Kinder selbstverständlich waren (im Kaffee sitzen und quatschen, shoppen mit stundenlangem Anprobieren, in Ruhe die Fußnägel schneiden (meine wachsen immer ein, seitdem ich Kinder habe)), gehen nun nicht mehr so einfach. Ein regelmäßiger Babysitter sollte nicht nur kommen, wenn ein dringender Termin ansteht, sondern auch, um der Mutter einfach frei zu geben. Leider gibt es ja keinerlei gesetzliche Regelung, die die Pausenzeiten von Müttern regelt. Da sind wir dann unser eigener Chef.

– Je nach Typ hilft auch das Lesen von Fachbüchern. Ich gebe zu: Ich mag ja gewisse Dinge gerne ganz genau wissen. Mir hat das Lesen viel geholfen zu erkennen, dass mein Kind komplett normal ist. Andere Frauen lesen gar nicht gerne und wissen sowieso schon, dass ihr Kind komplett normal ist 😉 .

Gegen die Unterforderung:

– Auch hier schwankt das Bedürfnis nach einem Ausgleich zum Mutterjob. Beim ersten Kind habe ich etwa zehn Stunden pro Woche studiert, was mir sehr geholfen hat, mal Abstand vom Wickelalltag zu bekommen. Andere Frauen brauchen mehr und wollen recht bald wieder arbeiten gehen. Und wiederum andere sind einfach zufrieden, zu Hause zu sein. Vielleicht reicht es auch schon, sich ein schönes Hobby zu suchen, wie einen Fotografiekurs, einen Malkurs oder stundenweise irgendwo etwas Geld zu verdienen. Wichtig ist: Auch das ist normal! Auch wenn einige von uns vielleicht gedacht haben, dass Kinderhaben die Erfüllung des Lebens ist – sie ist es nicht bzw. sollte es auch nicht sein, denn irgendwann werden die Kleinen ja auch flügge.

Ein Sozialarbeiter im Krankenhaus hat mir einmal den schönen Satz gesagt: „Ihre Kinder, MuttereinerkleinenGroßfamilie“ brauchen keine Märtyrerin. Sie brauchen eine Mutter.“

Das fand ich schön. Ich bin doch Mensch.

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§ 3 Antworten auf Ich-bin-Mutter-Krise (1): Über- und Unterforderung

  • podruga sagt:

    das haben sie aber schön und treffend beschrieben!
    schreiben ist überhaupt das beste: gegen über- und gegen unterforderung 🙂

    ich ziehe meinen hut vor einer mutter von zwillingen, die offensichtlich auch gerade ein jahr alt geworden sind?

  • Talili sagt:

    ….. Und wieder einmal D A N K E ! ! ! Ich hätte gerne mal einen Babysitter, aber Familien und Freunde sind in *weitweitentferntenStädten* und wir sind auch eben erst umgezogen. Woher hattet ihr denn immer eure Babysitter und woher weiß man, dass man einem wildfremden Menschen seinen größten Schatz anvertrauen kann?

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