Die erste Strafe

9. September 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Ach, ich würde so gerne drauf verzichten. Bisher haben sich unsere Anweisungen auf Zuwiderhandlungen auf „Geh in dein Zimmer, ich hole dich in fünf Minuten wieder ab“ beschränkt. Klar, ich brülle auch herum, und als ich mal voll gestresst war, habe ich den kleinen Riesensohn gehauen *ascheaufmeinhaupt*, und mich sehr ernst entschuldigt. Im Allgemeinen kommen wir aber gut zurecht miteinander (wenn man mal von den täglichen „bitte nicht kreiiiischen!“-Diskussionen absieht).

Nun aber. Die Situation gestern: Kleiner Riesensohn voll groggy vom Kindergarten, wollte sofort nach Hause und da sollte er dann noch aufs Klo bzw. hat es nicht rechtzeitig geschafft und sollte dann eben seine Hosen ausziehen und in den Wäschekorb werfen. Gemütszustand: mehr als stinkig.

Dann biege ich um die Ecke und sehe, wie der kleine Riesensohn den Matsebären tritt, mehrmals und ganz sicher in dem Bewußtsein, dass ich es nicht sehe, weil er mich im Wohnzimmer wähnt.

Es kann nicht sehr wild gewesen sein, denn Matse hat nicht mal geweint, nur Jooni fing an zu heulen, als ich unerhört laut: „KLEINER RIESENSOHN!“ gebrüllt habe, mir diesen unter den Arm geklemmt und ihn in sein Zimmer verfrachtet habe. Hui, ein Adrenalinstoß wie in einem spanischen Stier, dem auch noch ein paar Spieße im Nacken stecken, rauscht durch meine Adern! Tür zugeknallt und runter ins Wohnzimmer, erstmal durchpusten! Uff!

Der beste Ehemann der Welt sieht mir mit hochgezogenen Augenbrauen entgegen: „Was ist denn nun los?“ Ich erkläre ihm die Lage. Mmh, schwierig.

Dann setzt die kleiner-Riesensohn-Sirene ein, hört nach wenigen Minuten wieder auf und stattdessen ist ein Stimmchen zu hören: „Mama! Du bist gemei-ein!“

Uff.

Mehrmalige Wiederholung.

Nochmal durchpusten, dann auf in die wortreiche Schlacht.

Wir sitzen im Kinderzimmer auf der Matratze.

„Warum hast du gesagt, dass ich gemein bin?“

Keine Antwort. So kommen wir nicht weiter. Ich aktiviere die Faktenaufnahme in mir und frage: „Kleiner Riesensohn, ich glaube, ich habe gesehen, dass du den Matsebären getreten hast, ist das so?“

„Ja-a.“

„Und warum?“

„Weil ich das wollte.“

Zumindest ist er ehrlich.

Ich sage ernst: „Kleiner Riesensohn, das war gemein.“

Große blaue Augen.

Pädagogische Keule: „Willst du, dass ich dich trete?“

„Nei-ein.“

„Oder Papa?“

Kopfschütteln.

„Oder Matsebär?“

„Der kann doch gar nicht treten“, kommt es brummig.

„Nee, jetzt noch nicht, aber wenn er größer ist, dann kann der auch treten.“

„Bringst du den dann in sein Zimmer?“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil ich nicht will, dass hier getreten wird. Matse ist mein Sohn, und ich will nicht, dass du ihm wehtust. Und du bist auch mein Sohn, und ich will auch nicht, dass jemand anders dir wehtut.“

Leuchtende Augen.

„Und weil das, was du gemacht hast, was Schlimmes war, gibt es jetzt eine Strafe.“

„Was ist eine Strafe?“

„Wenn jemand was Schlimmes gemacht hat, muss er dann was machen, was ihm keinen Spaß macht.“

„???“

„Du kannst es dir aussuchen: Du kannst hier in deinem Zimmer eine halbe Stunde alleine bleiben oder du darfst heute abend keinen Film gucken.“

Der kleine Riesensohn denkt und legt die Haut in Falten.

„Hier in mein Zimmer bleiben.“

„Ok“, sagte ich, und seufze. Die erste schlimme Strafe. „Und ich möchte außerdem, dass du den Matsebären nachher streichelst.“

Der kleine Riesensohn sitzt mit unbewegter Mine.

„Ich hole dich in einer halben Stunde ab.“

Auf dem Weg nach unten will der Kerle mich in eine Diskussion verwickeln, aber ich gehe.

Der beste Ehemann der Welt und ich sitzen im Wohnzimmer und sehen auf die Uhr. Oben rumpelt es, sehr zu leiden scheint er nicht.

Zehn Minuten später hat der kleine Riesensohn genug von seiner Strafe: „Mama!!! Du kannst mich jetzt abholen!!!“

„Nei-ein! Die Zeit ist  noch nicht ru-um!“

„Warum nicht?“

Oh, Mann, der diskutiert sogar im Karzer. Ob er überhaupt realisiert hat, was ich ihm vermitteln wollte?

Als er schließlich wieder nach unten darf, spielen die Brüder fröhlich auf dem Boden herum, der Streit ist vergessen. Der kleine Riesensohn schaut um die Ecke und strahlt mich an: „Mama! Ich habe den Matsebären ges´treichelt! Ganz zärtlich!“ Und wendet sich wieder den Krabblern zu.

Ich schaue ihn an und liebe ihn.

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