Todesmutig (Kurzgeschichte)

12. September 2010 § 2 Kommentare

(nach einer wahren Begebenheit), gewidmet meinem lieben Freund

Die Frau sitzt auf der Parkbank und betrachtet den Herbst. Rotgoldene Blätter fliegen wie plumpe Papierflieger zu Boden und tüpfeln den Rasen bunt. Die Herbstsonne durchdringt ihre Haut und erwärmt Wangen, Nase, Stirn und Hände, die sie über ihrem Bauch verschränkt hält. Der Wind lässt trockenes Laub über die Asphaltwege rascheln. In der Nähe ruft ein Kind in die Stille.

Sie denkt zurück. Vor einem Jahr war der Herbst genauso golden und warm. Die Zeit stand damals für einige Wochen still, so wie sie immer still steht, wenn ein innig geliebter Mensch geht.

Sie denkt noch weiter zurück.

Der erste Verdacht, eine erste vorsichtige, abtastende Diagnose.

Keine Sorge“, sagt die Frauenärztin, „ich überweise Sie zum Spezialisten.“ Weitere Untersuchungen, noch ein Ultraschall. Das Baby im Bauch strampelt und stemmt seine kleinen Füße von innen gegen ihren Bauch. Einmal umfasst seine Hand die Nabelschnur. Im Ultraschall sieht man, wie es sein Gesicht verzieht, so gut sind die Bilder. Die Diagnose erhärtet sich. Das Kind hat keine Nieren.

Was dies bedeutet? Sie hört ihre Stimme im weißen Raum der Praxis schweben.

Alle wirbelnden Gedanken konzentrieren sich in diese eine Frage und stehen mit einem Herzschlag still. Nur diese eine Frage. Der Arzt hinter seinem Schreibtisch spricht freundlich und bestimmt. Was hat er gesagt? Die Schwangerschaft beenden?

Ihr Herz drückt aus, was ihre Gedanken nicht fassen können. Es pocht und schlägt und dröhnt. Es zieht sich zusammen und dehnt sich aus, bebt, wogt bis in den Hals, bis in den Kopf hinauf, lässt ihre Hände bei jedem Schlag zittern und ihre Knie weich werden. Es hämmert gegen die Fruchtblase, die zum Glück genügend Wasser in sich trägt, um das kleine Herz, das in ihm schwimmt, zu schützen.

So ein Fall ist heutzutage kein Problem mehr“, die Stimme des Arztes auf der anderen Seite der Welt klingt sachlich. Will beruhigen. „Das muss heutzutage nicht mehr sein.

Ich bestelle Ihnen ein Bett in der Klinik, die sind auf so etwas eingerichtet. Sie müssen sich überhaupt keine Sorgen machen“. Sie sitzt stumm und schweigt, bemerkt die Fliege am Fenster, die summend hinaus ins Sonnenlicht will. Er nickt, nimmt ihr Schweigen als Zustimmung.

Der Wind haucht eine kalte Brise durch die Falten ihres Schals. Ganz sacht zieht sie ihn mit beiden Händen enger um ihre Schultern und wendet ihr Gesicht der Sonne zu. Eine alte Frau zieht vorbei. Schwarzer Mantel, schwarze Schuhe. Hinter ihr ein alter Hund. Sein braunes altes Fell ist von Silberfäden durchwirkt. Er schnauft und hat Mühe, hinter seinem schlurfenden Frauchen herzukommen. Die gelben Blätter der umliegenden Pappeln rauschen im Wind. Das Kind ruft erneut. Ein anderes antwortet aufgeregt. Sie sieht sich um. Zwei Anoraks hüpfen als roter und blauer Punkt über das gelb getüpfelte Grün des kurz geschorenen Grases. Sie will ihnen zurufen, nicht hier rennen, dies ist doch ein Friedhof und denkt dann, na und. Das Leben und der Tod gehören zusammen, hier liegen genügend Herzen, die nicht mehr schlagen.

Die Fliege summt immer noch. Das Herz schlägt und dröhnt. Am Punkt seiner höchsten Ausdehnung verschwindet der Raum vor ihren Augen. Die Welle erfasst nun ihren ganzen Körper. Wie eine Wehe, denkt sie. Sie schließt die Augen und atmet tief. Sie atmet ein und beginnt zu zählen und weiß, wenn sie zu Ende gezählt hat, wird die Wehe gegangen sein. So hat sie geatmet, als ihr erster Sohn zur Welt kam, und so hat sie gezählt, als sich die Geburt ihrer Tochter ankündigte. Sie atmet und konzentriert sich. Das Herz wogt und wird bei jedem Schlag kleiner. Die Welle wird schwächer, die Wehe ebbt ab. Noch einen Atemzug, dann schlägt das Herz wieder an seinem Platz und lässt in ihrem Kopf einen Satz zurück: „Ich brauche noch einen Tag Bedenkzeit“.

Jetzt erst bemerkt sie, dass der Arzt den Telefonhörer in der Hand hält. Er stutzt, spricht irgendetwas hinein, schweigt, hebt die Augenbrauen und fragt: „Worüber wollen Sie denn nachdenken? Es gibt keine Chance, das Kind hat keine Nieren. Wozu wollen Sie sich das antun?“

Ja“, sagt sie, „eben darum.“

Fragender Blick, Ungeduld, im Wartezimmer sitzen die Patienten, der 10-Minuten-Takt ist gestört.

Er begreift nicht.

Es ist mein Kind“, sagt sie und betont das Wort „Kind“.

Versteht er denn nicht? Wie soll sie so schnell entscheiden, wo sie doch nicht einmal die Alternative abwägen kann.

Sie können noch viele Kinder bekommen“, sagt er und denkt, begreift sie denn nicht? Das ist ein Routineeingriff.

Die Kinderrufe kommen näher. Hund und Frauchen biegen in einen der schmalen Wege ein, die die Rasenfläche durchziehen, zwischen den Steinen hindurch, die als steinerne Wächter der Erinnerung über die Toten wachen. Die alte Frau im schwarzen Mantel will ihren geliebten Mann besuchen. Der Tod hat viele Gesichter.

Eine Wolke zieht über den Himmel. Die Strahlen der Sonne verlieren für einen winzigen Moment ihre Kraft, doch dann bricht sie sich Bahn, als ob sie die Kälte der ganzen Welt wenigstens an diesem einen Tag trotzig vertreiben will.

Aus einem Tag Bedenkzeit werden zwei. Dann kommt das Wochenende. Hand in Hand zieht sie mit ihrem Mann und ihrem runder werdenden Bauch durch die Herbstlandschaft. Sie schweigen und reden und nehmen sich in den Arm, während ein roter und ein blauer Punkt vor ihnen herhüpfen.

Am Montag sprechen sie mit dem Kinderarzt, der ihre beiden Kinder schon von Geburt an untersucht hat. Ein Kinderarzt, der das Leben und die Kinder liebt. Tobias und Anna bekommen einen Piraten- und einen Prinzessinen-Stempel auf die Hand für das Warten vor dem Behandlungszimmer. Ihre Eltern bekommen einen Satz, der sich in ihre Herzen brennt. „Das Leben Ihres Kindes wird kurz sein. Machen Sie ein Fest daraus.“ Der einzige Satz, der lebendiges Blut durch die kalten Venen der Krankenhausflure pumpt, ein Satz voller Barmherzigkeit, ein Satz für das Leben und für das kleine Herz, das in ihr schlägt.

So fällen sie ihren Entschluss. Der kleine Junge darf leben. Die Schwangerschaft wird fortgesetzt. Die Gespräche mit Freunden und Verwandten fallen gemischt aus. Ein Kind gebären, das sterben wird?

Was soll das bringen?“ fragt der Bruder.

Was soll das bringen?“ fragt sie sich und weiß, es ist irgendwie richtig.

Sie finden eine Hebamme, die einer Hausgeburt zustimmt.

Dann ist er da, der Tag der Geburt. Jede Geburt kündigt sich auf eine andere Art und Weise an. Der kleine Sebastian tut dies sanft, es zieht im Bauch, ganz sachte nur und dennoch weiß sie, jetzt kommt die Zeit. Sie begehen die ersten Stunden der Geburt wie eine Feier, solange noch Luft zum Atmen da ist.

Jetzt kommen sie doch, die Tränen, heiß steigen sie in ihr hoch und rollen die Wangen herunter. Kühl und sanft bläst der Wind sie an. Tobias und Anna kommen näher, raufen sich, schreien, lachen. Sie haben sich von ihrem kleinen Bruder verabschiedet, haben ihn stolz im Arm gehalten, als er da war, nach einer Geburt, die kurz und auf eigentümliche Weise entspannt war, und haben ihm traurig „Lebewohl“ gesagt, als sein Leben beendet war. Sie seufzt, lässt zu, dass der Wind sie tröstet und erhebt sich von der Holzbank am Rande des Friedhofes. Sie sieht die alte Frau, die schlurfend den Grabstein ihres Mannes aufsucht, die Schritte sind noch schwer. Am Grab ihres kleinen Sohnes steht ihr Mann, ordnet das Spielzeug und drückt die Erde um die kleinen gelben Blumen fest, die er gepflanzt hat. Fragend sieht er sie an und hebt seinen Arm. Sie drückt sich an ihn, schweigende Liebe für beide. Sie verabschieden sich von dem kleinen toten Kind und sind beruhigt, dass es einen Platz bekommen hat.

Sie ist keine mutige Frau, eher schüchtern und sie sieht oft ängstlich in die Zukunft. Aber vor einem Jahr, das spürt sie, da war sie es, mutig, todesmutig.

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