Verreisen mit Kleinkindern

8. November 2010 § 6 Kommentare

Als wir erst einen Sohn hatten, war das Verreisen noch recht easy. Regelmäßige Pausen bei den Goldenen Bögen (die zuverlässig Wickeltische und Spielezonen bereitshielten) gewährleisteten ein ausgetobtes Kind. Wenn andere Eltern ihrem Nachwuchs „aber nur noch eine Runde!“ auf dem Rutscheturm erlaubten, ermutigten wir unseren, noch eine Runde und noch eine hochzuklettern und wieder herunterzurutschen. Wenn man das ungefähr eine halbe Stunde macht, geben kleine Söhne keinen Piep mehr von sich. Wenigstens nicht auf den nächsten 50 Kilometern.

Nur einmal gingen unsere Pläne reichlich schief bzw. die des besten Ehemannes der Welt, der darauf bestand, um zwei Uhr morgens loszufahren: „Du wirst sehen, Hase, das wird ganz toll! Der Kleine wird schlafen, und du kannst auch noch schlafen, und die Autobahnen sind gaaanz leer!“

Ich gewährte ihm diese Chance und kann seitdem darauf zurückgreifen, wenn der beste Ehemann der Welt ähnliche Anläufe unternehmen will. Als wir starteten, hing ich, Morgenmuffel, der ich bin, arg in den Seilen, und der kleine Riesensohn, den wir „nur umbetten brauchen, dann schläft er weiter“ war hellwach und plapperte in Babysprache vor sich hin.

Dummerweise standen wir ruckzuck im Stau (um halb drei Uhr morgens!!!), so dass uns die freundliche Navi-Stimme alternativ kreuz und quer über die Landstraßen führte, was etwas komplizierter anzusagen ist als „Bitte die nächsten 500 Kilometer geradeaus fahren“.

„Bitte im nächsten Kreisverkehr die zweite Ausfahrt nehmen“ hörten wir stattdessen, und damit man das nicht vergisst, wird ja auch noch alles doppelt angesagt: „Jetzt die zweite Ausfahrt abbiegen“, „Die nächsten 100 Meter geradeaus fahren, danach links abbiegen. Jetzt links abbiegen. Zweihundert Meter geradeaus fahren, dann rechts abbiegen. Jetzt rechts abbiegen. Im nächsten Kreisverkehr… .“ Und wenn mich das nicht wachgehalten hätte, dann sicherlich die quietschenden Scheibenwischer, denn zu allem Überfluss regnete es und prasselte laut auf unser Autodach.

Bei dieser Eskapade kamen wir sehr rechtzeitig zum Termin des besten Ehemannes der Welt´. Genauer gesagt waren wir drei Stunden zu früh. Da ich und der kleine Riesensohn, der damals noch im Tragetuch transportiert werden konnte, ja offiziell ausgeschlafen waren, setzte uns der beste Ehemann der Welt in einem öffentlichen Park aus, um das Auto in einer ruhigen Ecke zu parken und Schlaf nachzuholen. Wir suchten uns einen Platz (nachts zuvor musste es ein Festival gegeben haben oder sowas, jedenfalls lag überall Müll herum) unter irgendwelchen Bäumen, aber der kleine Riesensohn konnte nicht einschlafen, und so gab ich denn auf und erschien zum Frühstücksbuffet eines nahe gelegenen Hotels, in dem wir uns nach Terminende wieder treffen wollten.

Was ich als Öko nicht bedacht hatte, war, dass wir zwei – Mutter verwuschelt und mit ungenießbarem Gesichtsausdruck und kleiner munterer Sohn im blauen Tragetuch – mit unserem Kuhfellwickelrucksack, dem meterlangen Tragetuch und ausgelatschten Sandalen an den Füßen in diesem Ambiente eher wie Leute von der Straße aussahen als eine seriöse Teilfamilie, dessen männlicher Gegenpart im Anzug und Krawatte dienstlich unterwegs war. Egal. Jetzt haben wir also drei Kleinkinder und eine freundliche Kolumbianerin, und wir alle passen un-mög-lich in unser schnickes Gefährt.

Also teilt man sich auf. Der kleine Riesensohn und Jooni fuhren mit Elisabeth und dem besten Ehemann der Welt am beinahe letzten Abend ihres Lebens Abend zuvor in die Zielstadt, während ich mit Matsebär am Tag darauf im Erste-Klasse-Abteil fuhr. Wächst bei uns das Geld auf den Bäumen? Nein, das nicht, aber da gab es so ein Sonderangebot für eine Fahrt in der ersten Klasse und das war nur zwanzig Euro teurer als die zweite und ich habe mir blitzschnell ausgerechnet, dass ich auf diese Weise wohl zu einem Abteil ganz für mich alleine kommen kann oder kann sich der geneigte Leser vorstellen, wie sich ein Herr im Anzug und Krawatte mit Handy am Ohr und Köfferchen in der Hand in unser Abteil drängt? Oder die ältere, gut betuchte Dame mit dauergewelltem Silberhaar und Glitzersteinchen an den Ohrläppchen, die freudig juchzt, wenn der Matse eine Stinkewindel produziert? Im Notfalll, so hatte ich mir überlegt, erzähle ich jedem, der sich zu uns setzen will, dass er das gerne tun kann, aber dass Matse zur Zeit eine Bindehautentzündung hat, die ziemlich ansteckend ist. Naja, das hätte ich mich wohl nicht getraut, aber witzig fand ich die Idee.

Mein Plan ging auf! Wir hatten ein Abteil ganz für uns, wurden mit Kuchen gefüttert (die Zugbegleiterin hat uns noch welche extra zugesteckt), bekamen Kaffee an den Platz geliefert, und wir konnten sogar ein Schlümmerchen machen. Wunderbar! So kann Reisen aussehen.

Die Rückfahrt sah ein wenig anders aus. Da die netteste Freundin der Welt dabei war, sah ich mich dazu in der Lage, beide Toddler mitzunehmen. Wie es sich gehörte, reservierten wir im Kleinkindabteil, das unangehm durch einen schmuddeligen Teppichboden auffiel und ansonsten nur an der Beschriftung zu erkennen war. Es war ein ganz normales Abteil mit vier Sitzen und zwei Notklappsitzen! Nichts mit extra Platz für Knuddelkinder!  Im Gang gab es auch nur einen Parkplatz für einen Kinderwagen, und als die zweite Mutter mit Baby dazustieg, hatten wir ein echtes Platzproblem. Wie kann die Bahn nur sechs Plätze im Kleinkindabteil vergeben, wenn es definitiv nur vier Sessel gibt??? Und einen Kinderwagenparkplatz???

Die Mutter wollte mit ihrem Kinderwagen an unserem vorbei ins Abteil. Glücklicherweise scheiterte das an den engen Gängen, und ich setzte ihr auseinander, dass mein zweiter Zwilling gerade in dem Abteil schlief und aufwachen würde, wenn sie hereinkäme. Kleines Gespräch zwischen mir, der neuen Mama und dem Schaffner:

Ich: „Das ist jetzt echt keine Drohung oder so, aber wenn Sie da jetzt reingehen, dann wacht mein zweiter Zwilling auf und schreit, dann schreit dieser hier auch und ihr Kind wird das auch nicht so toll finden.“

Mutter: „Aber ich habe reserviert! Und ich muss doch irgendwo sitzen!“

Ich: „Das verstehe ich, aber da drin sind sowieso nur vier Sessel, ich finde es eine Frechheit von der Bahn, sechs Plätze darin zu vergeben!“

Schaffner: „Aber die Dame hat reserviert und Kinder schreien eben manchmal!“

Ich (wütend schnaubend): „Aber nicht unbedingt, wenn man sie aus dem Mittagsschlaf reisst! Dann muss die Bahn der Dame eben ein erste Klasse Abteil zur Verfügung stellen!“

Also ehrlich.

Die Mutter in pink und gold mit rosa Baby wurde dann tatsächlich irgendwo anders hin verfrachtet, und Matsebär ist dann glücklicherweise auch noch irgendwann eingeschlafen. Und nicht unerwähnt will ich lassen, dass alle naslang jemand in unser Abteil rief: „Ist hier noch ein Platz frei?“ Oder: „Einen kleinen Imbiss?“ Oder: „Fahrkarte, bitte!“ Natürlich alles, während Jooni auf dem Boden vor der Glasscheibe sein Mittagsschläfchen gehalten hat (den hätte ich übrigens wegräumen müssen, wenn die pinke Mutter mit dem Kinderwagen hineinmarschiert wäre).

Naja, irgendwie ist dann noch alles gut gegangen und irgendwelche freundlichen älteren Herren haben uns immer aus und in den nächsten Zug hineingeholfen.

Für die nächste Fahrt planen wir, einen Siebensitzer auszuleihen. Ob das dann besser wird? Wir werden berichten!

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