Kinderdressur

15. November 2010 § Ein Kommentar

Ich habe länger drüber nachgedacht, wie ich diese „Sag Danke!“-Geschichten lösen kann, weil ich Kinderdressur irgendwie nicht leiden kann. Genauer gesagt, habe ich ein Problem mit allen unerklärten Gemeinplätzen. Über das „Gib der Oma einen Kuss!“-Stadium ist unsere Generation ja hoffentlich hinaus und akzeptiert körperliche und seelische Grenzen, zumindest will ich das hoffen.

Bleibt aber noch das: „Gib der Frau die Hand!“ „Sag Auf Wiedersehen!“ „“Sag Guten Tag!“  „Sei lieb!“ (mein besonderer Favorit) etc.

Meine individuelle Lösung lautet wie folgt: Wenn der Sohn nicht mag, muss er nicht. Er ist vier Jahre alt und Zuneigungsbekundungen sind freiwillig. Guten-Tag-Sagen-und-auf-Wiedersehen-Sagen auf Kommando mag ich auch nicht, ich frage ihn zwar immer, ob er noch „Tschüss“ sagen kann, ernte aber in 95% der Fälle ein klares „Nein“, und ich finde, dass das wirklich überschätzt wird. Und nicht unterschätzt werden sollte die Vorbildfunktion. Er wird es irgendwann so machen wie ich. Aber hoffentlich nicht immer. Letztens bin ich schon wieder ausfallend geworden, als mich ein Hanswurst im Bus mal so nebenbei kritisiert hat. Die Dame heute, die mir im Vorübergehen zugerufen hat „Wie kann man nur …“ hat Glück gehabt, ich konnte gerade nicht bremsen. Ich glaube, ich reagiere allergisch auf dieses „Man kann ja …“ bzw. „Wie kann man nur …“. Ich habe nichts gegen Kritik, aber bitteschön ohne hochgezogene Augenbrauen und selbstgefälliges Kopfschütteln. Und im Vorübergehen, ohne Chance auf Erwiderung. Wie vor einigen Wochen, als mich (im Zwischenabteil der Regionalbahn) ein älterer Herr mit graumeliertem Haar im Vorbeigehen kopfschüttelnd mit „Man kann ja wohl den Kinderwagen auch anders hinstellen“ bedacht hat. Der hat Glück gehabt, dass ich ihn nicht wiedergefunden habe. Dann hätte ich doch zu gerne gefragt, wie er einen 1,50 Meter langen Kinderwagen in einem voller Leute stehenden Zwischenabteil anders hinstellen würde, wenn sich außerdem noch ein Schrankkoffer im selbigen befindet. Und ich war so zufrieden, dass ich den Wagen so platzieren konnte, dass man immerhin von einem Abteil ins nächste gehen konnte.

Aber ich schweife ab.

Für die „Sag Danke!“ Sache ist mir etwas eingefallen, auf das ich auch ein klitzekleines bisschen stolz bin. Warum bedankt man sich nämlich? Genau, weil man sich freut.

„Kleiner Riesensohn, freust du dich über die Gummibärchen?“

Eifriges Nicken.

„Dann darfst du auch Danke sagen.“

„Wieso, Mama?“

„Die Dame hat dir eine Freude mit den Gummibärchen gemacht, und wenn du dich darüber freust, kannst du ihr auch eine Freude machen, wenn du Danke sagst. Darüber freut die sich nämlich.“

Das hat irgendwie alle Türen geöffnet. Der sagt jetzt freiwillig Danke und bemerkt, wie sehr sich das Gegenüber freut.

Zb die nette Ohrenärztin, die Stillhalten beim Ohrenbegucken mit einer Tüte Gummibärchen belohnt hat. „Danke!“ ruft der kleine Riesensohn und strahlt über das ganze Gesicht. Eine ganze kleine Tüte gab es da!

Und draußen vor der Tür plagte ihn das schlechte Gewissen, weil er das Tütchen mitgenommen hat, obwohl er sich schon welche rausgenommen hat. Das mag ich auch so an ihm. Er freut sich so über seine Bärchen und eine ganze Tüte ist für ihn ein unvorstellbarer Schatz.

„Schatz, die ganze Tüte ist deine. Die Ärztin hat sie dir geschenkt.“

Glühende Wangen und Ohren. „Die ganze Tüte?“

Ach, kleiner Riesensohn, du wirst deinen Weg schon machen.

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