Paul und die Besinnlichkeit (noch ein Adventsgeschichtchen)

5. Dezember 2010 § 3 Kommentare

 

 

1

Heute ist Samstag! Paul mag Samstage!

Paul mag auch gerne früh aufstehen. Mama nicht. Jedenfalls nicht an ihrem freien Samstag. „Ich will nur einmal ausschlafen!“ stöhnt sie immer.

Deshalb gehen Papa, Mia und Paul am Samstag Morgen immer einkaufen. Im Supermarkt gibt es warme Brezeln und obwohl Papa immer sagt: „Iss nicht so viel, Paul, sonst hast du gleich keinen Platz mehr für dein Schokobrötchen!“ schafft Paul es fast nie, die Brezel nicht auf einmal aufzuessen. Mia bekommt ein warmes Brötchen und mampft und gluckst glücklich im Kindersitz des Einkaufswagens. Papa behauptet, dass Mama die Einkaufslisten am Freitag Abend vor ihrem freien Samstag besonders lang macht, damit sie ganz lange einkaufen gehen und sie ganz lange ausschlafen kann.

Aber heute ist es im Supermarkt total voll. „Heute“, denkt Paul, „heute bräuchten wir auch mit einer kurzen Einkaufsliste ganz schön lange.“

Papa sagt, dass er denkt, die Leute kaufen heute besonders viel und besonders früh ein, weil für heute Nachmittag ein Schneesturm angekündigt ist.

Paul denkt.

Und warum kaufen die dann so viel ein?“ fragt er.

Naja, die Menschen glauben vielleicht, dass man nachher nicht mehr mit dem Auto fahren kann“, sagt Papa, „und jetzt komm schon, ein bisschen Beeiliung bitte!“

Es liegt jetzt schon, ganz ohne Schneesturm, verflixt viel Schnee. Paul kann sich nicht erinnern schon einmal einen Schneesturm erlebt zu haben und freut sich schon ein bisschen darauf. Er hat mal die Geschichte von einer Familie im Fernsehen gesehen, deren Haus ganz eingeschneit worden war. Der Schnee lag so hoch, dass sie nicht mehr durch die Tür herauskonnten und durch das Fenster im ersten Stock rausklettern mussten.

Wenn der Schnee bei uns ganz hoch wird, dürft ihr durch mein Fenster klettern“, sagt Paul großzügig zu Papa, doch der nimmt gerade Mia eine Packung Filtertüten aus der Hand, die sie aus dem Regal gemopst hat.

Auf den Gängen liegt Schneematsch, der von den Schuhen der Einkaufenden gefallen ist, es ist warm und voll. Papa schiebt Mia im Einkaufswagen an den Regalen vorbei, die Einkaufsliste in der Hand, und Paul hat Mühe, bei ihm zu bleiben. Klatsch, ab und an bekommt er einen nassen Mantel ins Gesicht. Als sie an den großen Körben vorbeikommen, in denen Weihnachtsmänner, Schokolollis, Mandelnüsse und bunte Zuckerringe liegen, muss Paul einfach stehen bleiben. Ob er Papa wohl fragen kann, ob er einen, nur einen einzigen Weihnachtsmann bekommt? Vielleicht werden sie ja eingeschneit und können wochenlang nicht mehr einkaufen, da wäre es doch gut, wenn sie schon mal einen Weihnachtsmann hätten, denn Weihnachten ohne Schokolade kann Paul sich einfach nicht vorstellen. Vielleicht könnten sie sogar zwei kaufen, oder drei. Oder, am besten, vier, für jeden einen. Und vielleicht noch einen für Frau Dohling. Vorsichtshalber nimmt Paul schon mal einen Weihnachtsmann in die Hand.

Gerade will Paul sich zu Papa umdrehen, da wird er von einer Frau mit nassem Mantel angerempelt und als er sich wieder umguckt, ist Papa weg. „Oh, Mist“, denkt Paul.

2

Wenn Paul verloren geht, dann soll er ganz ruhig stehen bleiben, bis Papa zurück kommt. Das Problem ist nur, dass Papa vielleicht gar nicht gemerkt hat, dass Paul weg ist. Paul klemmt sich zwischen zwei Körbe mit Weihnachtssüßkram und denkt.

Hast du deine Mama verloren?“ fragt eine Frau mit einer rot-weiß geringelten Mütze auf dem Kopf und einem ebenso geringelten Schal um den Hals. Sie sieht freundlich aus und schiebt einen Einkaufswagen vor sich her, auf dem ein Baby festgeschnallt ist.

Paul schüttelt den Kopf und kriegt kein Wort raus.

Aber wo ist denn deine Mama?“ fragt die Frau.

Mama schläft“, sagt Paul.

Und du bist hier ganz alleine?“ fragt die Frau erstaunt und kriegt so einen komischen Gesichtsausdruck, „wolltest du hier Schokolade kaufen?“ Sie zeigt auf den Weihnachtsmann in Pauls Hand.

Paul sagt: „Wir brauchen noch Schokolade wegen dem Schneesturm!“

Aha“, sagt die Frau, „ich verstehe. Hm, wohnst du denn wenigstens hier in der Nähe?“

Paul schüttelt den Kopf. Man muss ja mit dem Auto herfahren, dann ist es weit weg, sagt Mama immer.

Jetzt sieht die Frau ratlos aus. „Was mache ich jetzt nur mit dir?“ sagt sie.

Paul!“ ruft es da, „Paul, da bist du ja!“

Papa schlängelt sich durch das Gedränge. Mia juchzt.

Die Frau mit der geringelten Mütze sieht plötzlich sehr erleichtert aus.

Papa!“ ruft Paul und zeigt ihm den Weihnachtsmann, „kaufen wir den für Weihnachten?“

Papa nimmt Paul an der Hand, und Paul sieht, dass er ganz rot im Gesicht ist: „Paul, du musst hier immer ganz nah bei mir bleiben, fast hätte ich dich verloren!“

Paul nickt und presst den Weihnachtsmann an sich.

Na, da bin ich aber froh“, lacht die freundliche Frau, „ich dachte schon, er wäre hier ganz alleine.“

Nein, nein“, beeilt Papa sich zu sagen, „es ist nur, das Gedränge, wissen Sie, und ich bin auch ein bisschen in Eile, wir müssen gleich noch zum Baumarkt.’“

Die Frau nickt und lächelt und trällert: „Na, dann wünsche ich Ihnen für Morgen: einen Tag voll Fröhlichkeit und die Landschaft zugeschneit! Einen besinnlichen Advent! Tschüß, Paul!“ Sie winkt Paul zu, und dann schiebt sie ihren Einkaufswagen weiter.

Komm, Paul“, sagt Papa und schaut der Frau verdutzt nach, „noch schnell zum Kühlregal.“

3

Beim Baumarkt will Paul lieber im Auto sitzen bleiben. Er will nicht noch einmal verloren gehen. „Du kannst dir solange die Hamster und Fische angucken, während ich den Weihnachtsbaum-Fuß kaufe“, schlägt Papa vor, aber Paul hat für heute genug Abenteuer erlebt.

Papa schnallt Mia aus ihrem Sitz und geht mit schnellen Schritten in den Baumarkt.

Die Frau im Supermarkt hat Paul gefallen. Aber was ist ein besinnlicher Advent? Advent, das weiß Paul, ist die Zeit vor Weihnachten. Er beschließt, später Mama oder Papa zu fragen, was eigentlich besinnlich ist.

Diesmal braucht Papa nicht so lange.

Das ist so voll“, stöhnt er, als er Mia wieder in ihren Sitz schnallt, „da habe ich jetzt echt keine Lust zu.“

Endlich sind sie wieder zuhause. Heute haben sie so lange gebraucht, dass Mama schon angezogen ist und sogar den Frühstückstisch gedeckt hat.

4

Eigentlich mag Paul den Samstag. Beim Einkaufen gibt es eine warme Brezel, zum Frühstück leckere Brötchen und am Nachmittag machen sie meistens zusammen etwas Schönes.

Heute ist der Samstag aber nicht so schön. Pauls Bauch ist doch schon ganz schön voll, so dass das Brötchen mit der Schokolade gar nicht mehr hineinpasst. Also trinkt er seine Milch und überlegt, wie lange man wohl Schokoladenbrötchen aufbewahren kann. Außerdem ist Mama heute nicht gut gelaunt, sondern meckerig. Und Papa sagt, er muss nachher nochmal in den Baumarkt, da wird es doch bestimmt nicht mehr so voll sein.

Aber der Schneesturm, Peter“, gibt Mama zu bedenken, „nicht dass du noch mit dem Auto stecken bleibst!“

Hmpf“, macht Papa, „früher gab es doch auch Schnee. Aber wenn es heute mal schneit, dann gibt es gleich Sturmwarnung.“

Doch Mama hat schon wieder andere Sorgen.

Oweh“, sagt sie und rauft sich die Haare, „ich muss heute Nachmittag noch die Kuchen backen für den Adventskaffee morgen in der Kirche, hast du an das Mehl gedacht?“

Papa brummt.

Und die Eier?“

Papa rührt in seinem Kaffee.

Und dann will ich noch unbedingt die Weihnachtspost erledigen, und ich weiß nicht, wo ich die Weihnachtskarten hingelegt habe! Hast du die irgendwo gesehen?“

Papa seufzt und verdreht die Augen.

Letztes Jahr habe ich viel zu spät angefangen, und da sind sie nicht mehr rechtzeitig angekommen! Hach! Ich glaube, ich weiß jetzt, wo die sind! Die sind im Schuhregal!“

Papa stöhnt.

Draußen wirbeln schon die Schneeflocken, und Paul überlegt, wann genau sie wohl eingeschneit sein werden. Und vor allem, wie lange. Und ob der Weihnachtsmann dann überhaupt noch in ihr Haus reinkommt, wenn da so viel Schnee draufliegt?

Am Nachmittag sind sie immer noch nicht eingeschneit. Papa ist im Baumarkt, und Mama sitzt am Küchentisch und will die Karten schreiben, jetzt endlich, nachdem sie die ganze Küche aufgeräumt hat. Und schnell soll es gehen, bevor nämlich Mia aufwacht. Paul ist schon ganz kribbelig, weil Mama so herumgewirbelt ist.

Mir fällt nichts ein!“ jammert Mama, „was schreibe ich bloß!?“

Einen Tag voll Fröhlichkeit und die Landschaft zugeschneit!“ schlägt Paul vor, „und einen besinnlichen Advent!“

Mama guckt Paul auf ihre ganz besondere Art an. Und dann muss sie lachen.

Wo hast du denn den Spruch her?“

Aus dem Supermarkt“, sagt Paul, und Mama lacht noch mehr, „hmhm,“ summt sie, „das ist gut, das schreibe ich!“ Der Kugelschreiber kratzt über das Papier.

Mama, was ist eigentlich besinnlich?“ fragt Paul.

Mama guckt Paul an und tupft sich das Ende vom Kugelschreiber auf die Nase.

Hmm“, sagt sie, „das ist eine gute Frage. Vielleicht sowas wie: ruhig und schön und voller Genuss?“

Was ist Genuss?“ fragt Paul.

Na, wenn man etwas isst, zum Beispiel, dass man das dann ganz langsam und genießerisch macht, den Geschmack richtig im Mund spürt und nicht einfach herunterschlingt.“

Paul denkt.

Und wenn man sich einen besinnlichen Advent wünscht“, ergänzt Mama, „dann heißt das, man wünscht dem anderen eine schöne Zeit, ohne Hektik und Eile, voller Vorfreude auf Weihnachten, wo uns Gott ein kleines Baby geschenkt hat.“

Und wann werden wir besinnlich?“ fragt Paul.

Mama guckt Paul an und legt den Kugelschreiber zur Seite.

Hmhmhm“, sagt sie, „wie wäre es mit `Jetzt´?… Ist ein Buch vorlesen besinnlich genug?“

Paul grinst. Und nickt.

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§ 3 Antworten auf Paul und die Besinnlichkeit (noch ein Adventsgeschichtchen)

  • MiA sagt:

    So schöne Paul-Geschichten 😉

  • Kathrin sagt:

    Schön!

    Aber wie alt ist Paul denn, dass er schon weiß, dass seine Mama die Geschenke kauft?

    Grüße 🙂

  • mara sagt:

    Fein, dass euch der Paul gefällt! 😉 Ich finde den Namen total knuffig.

    Über Pauls Alter habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, vielleicht so viereinhalb oder fünf?

    Den kleinen Riesensohn wollten wir übrigens die Sache mit dem Weihnachtsmann nicht erzählen, aber er will un.be.dingt daran glauben, von daher muss ich die Geschichte wohl doch noch ein wenig verändern. Mache ich am besten sofort 😀 .

    Ich finde halt diese ganzen Geschichten rund um Weihnachten, naja, so, äh, also ich mag die nicht. Bin ja aber eh ein Weihnachtsmuffel.

    Grüße in eure Blogs, ab morgen komme ich wieder zum Lesen! Bestimmt! 😉

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