Paul und der Einbrecher

9. Januar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

  1

Papa“, sagt Paul, als sie abends im Bett liegen und zusammen kuscheln, „wo wohnt der Einbrecher?“

Einbrecher?“ gähnt Papa, „wasn fürn Einbrecher?“

Der aus dem Buch.“

Wasn fürn Buch?“

Das mit die Polizei!“

Achso.“

Wo wohnt der?“

Paul, wenn man das wüßte, dann könnte die Polizei dorthin gehen und ihn ins Gefängnis stecken.“

Kommen die Einbrecher auch zu u-uns?“

Nein, Paul, ich glaube nicht. Und in dein Zimmer erst recht nicht. Das ist ja im ersten Stock. Wie sollen die denn hier reinkommen?“

Mit der Leiter vielleicht?“ schlägt Paul vor und zuckt die Schultern hoch, so wie Mama, wenn sie bei ihm raten muss, was er in der Hand hat.

Naja, aber dann müssten die ja mit der Leiter auf der Straße stehen, und das machen die nicht. Die wollen ja nicht gesehen werden. Und außerdem, Paul, haben wir nichts, was die klauen möchten, also nichts Wertvolles.“

Paul denkt.

2

In der Nacht wacht Paul auf. Irgendetwas brummt da unten. Er drückt Hasenohr an seinen Hals und lauscht. Jetzt rattert es und knackt. Dann ist es ganz still. Paul bekommt Befürchtungen. Der Einbrecher! Sein Herz pocht. Sein Kopf fühlt sich ganz heiß an. Wenn er jetzt weint, wie er es sonst macht, damit Mama oder Papa ihn holen kommen, dann kommt der Einbrecher vielleicht die Treppen hoch!

Also gleitet Paul mit angehaltenem Atem aus dem Bett und huscht leise wie ein Spinnchen die paar Schritte bis zur Kinderzimmertür und weiter das kurze Stück bis zur Treppe. Einen Herzschlag lang hält er dort an und lauscht und – husch – dann weiter die Stufen hinauf in den zweiten Stock, dort wo Mama und Papa und Mia schlafen. Noch zwei Stufen, noch eine, dann ist er oben. Puh!

Ganz unten ist es immer noch still. Aber dann plötzlich rumpelt es wieder. Es hört sich an wie Wasserrauschen. Ist der Einbrecher vielleicht auf dem Klo? Mit Hasenohr im Arm rennt er von der Treppe zu dem großen Bett, auf dem Mama und Papa schlafen und zieht sich an der Matratze hoch. Papa brummt, und Paul kriecht unter seine Decke. Kein Einbrecher kann so groß und so stark sein wie Papa. Er starrt in die Dunkelheit und lauscht auf die Geräusche von unten. Jetzt rumpelt es wieder. Und pumpelt. Wenn der Einbrecher nun doch etwas findet, was er klauen kann?

Da fällt es Paul ein. Seine Spielsachen! Natürlich! Dass er daran nicht gedacht hat! Paul hat so schöne Spielsachen, das sagt Tante Andrea auch immer, ganz bestimmt ist der Einbrecher ganz wild auf seine Spielsachen! Er muss Papa wecken!

Paul zieht Papa am Ohr.

Papa!“ füstert er leise, denn er will nicht, dass der Einbrecher ihn hört, „Papa, meine Spielsachen!“

Papa brummt wie der große Bär aus Pauls Bilderbuch.

Wenn Paul sich ganz nah an Papas Ohr schmiegt, kann Papa ihn bestimmt besser hören. Aber da steckt ein Ohrodings drin. Kein Wunder, dass Papa den Einbrecher nicht gehört hat! Zum Glück scheint ein bisschen Mondlicht ins Zimmer. Paul zupft und zupft und schwupps ist der Stöpsel draußen.

Papa!“ ruft Paul in Papas Ohr, „du musst meine Spielsachen retten!“

Mama wacht auch auf.

Um Himmels Willen! Was ist los!?“

Der Einbrecher will meine Spielsachen klauen!“

Papa und Mama und Paul sitzen im Bett und lauschen in die mondbeschienene Dunkelheit.

Es rumpelt. Dann ist es still.

Paul“, sagt Mama, „das ist der Geschirrspüler.“

Papa lässt sich stöhnend in die Kissen fallen: „Wir lesen zu viele Bücher.“

Kann ich hier schlafen?“ fragt Paul. Sicher ist sicher.

Papa brummt wieder, aber dann lässt er Paul in seiner Armkuhle schlafen. Mama seufzt und kuschelt sich wieder in die Kissen.

3

Am nächsten Morgen tapst Paul vorsichtig die Treppen hinunter. Mama ist schon unten und raspelt Apfel für Mias Frühstück.

Bevor Paul in die Küche schleicht, guckt er noch in sein Zimmer. Es ist ganz schön durcheinander, weil er gestern mit Moritz Müllabfuhr gespielt hat. Da ist es nicht so einfach zu sehen, ob was fehlt. Paul sieht den kleinen Bagger und die Mikrowelle. Auf dem Boden liegt sein Lieblingsbuch. Auf der Fensterbank liegen die Legomännchen auf einem Haufen. Die hat Papa gestern dort hingeräumt, weil die unter Pauls Bettdecke lagen.

Paul seufzt. Jetzt, wo die Sonne scheint und die Angst mit der Nacht verschwunden ist, grummelt die Enttäuschung in seinem Buch, dass der Einbrecher nicht in ihr Haus gekommen ist, denn dann müssten Papa und er zur Polizeistation fahren, so wie die Frau in Pauls Polizeibuch.

Mmh“, macht Paul.

4

Als Paul beim Frühstück sitzt und Mia beobachtet, wie sie ihren Apfelbrei mit dem grünen Babylöffel isst, und Mama, wie sie den Apfelbrei mit dem gelben Babylöffel von Mias Wangen, Stirn und Haaren kratzt, fragt er: „Gell, Mama, der Einbrecher ist bestimmt ganz wild auf mein Spielzeug, oder?“

Wie kommst du denn darauf?“ fragt Mama, und zieht ein neues Stück Küchenpapier von der Rolle.

Tante Andrea hat gesagt, dass ich so schönes Spielzeug habe.“

Paulchen“, sagt Mama, „Einbrecher klauen ganz bestimmt kein Kinderspielzeug.“

Paul guckt grummelig. Wie kann Mama da so sicher sein?

Papa sagt, Einbrecher klauen Wertvolles“, sagt Paul.

Mmh“, sagt Mama und schiebt Mia einen Löffel Wangenbrei in den Mund.

Das stimmt schon, Paul, aber für einen Einbrecher ist Spielzeug nicht so wahnsinnig wertvoll, der will lieber Geld haben. Dann kann er sich davon kaufen, was ihm gefällt.“

Schokolade und Eis und die Spiderman-Unterhosen?“ fragt Paul.

Naja“, sagt Mama, „wohl eher Autos und Computer und Handys.“

Paul löffelt seinen Frühstücksbrei.

5

Als Mama Paul vom Kindergarten abholt, kommt Frau Henna-Euler aus dem Gruppenraum der Wichtel.

Frau Wolke“, sagt Frau Henna-Euler und sieht aus, als wäre es ihr unangenehm, mit Mama zu sprechen, „wäre es möglich, also, nur wenn es geht natürlich, dass Sie für nächste Woche einige Äpfel kaufen für unsere Gemüseteller?“

Mama sieht Frau Henna-Euler an.

Äh, warum nicht?“ fragt Mama und runzelt die Stirn. Manchmal hängen Zettel an den Kindergartenfächern, auf denen draufsteht, wenn die Eltern etwas mitbringen sollen. Äpfel zum Beispiel. Oder Bananen. Oder leere Shampoo-Flaschen. Warum fragt Frau Henna-Euler Mama, ob sie Äpfel kaufen kann?

Naja“, sagt Frau Henna-Euler, „der Paul hat gesagt, das geht nicht, weil Sie“, Frau Henna-Euler flüstert nun fast, „weil Sie doch kein Geld haben.“

Mama schaut Frau Henna-Euler an, und dann schaut sie Paul an.

Paul räumt gerade seine Kindergartenschuhe in das Schuhfach.

Naja“, sagt Mama in ihrem Ich-glaub-mein-Schwein-pfeift-Tonfall, „ich denke, für ein paar Äpfel wird es schon noch reichen.“

6

Auf dem Heimweg denkt Mama vor sich hin. Mia plappert: „Baubaubaubaubau!“ sagt sie,

Als sie zuhause angekommen sind, setzt Mama Mia in ihren Kinderstuhl und rührt Jogurt mit Haferflocken zusammen.

Paul“, sagt sie, „kannst du mal herkommen?“

Paul schlendert vorbei und hängt Arme und Kinn über den Tisch.

Paulchen Pantherbär“, sagt Mama, „wir haben schon Geld, weißt du.“

Paul guckt.

Papa hat gesagt, wir haben nichts Wertvolles.“

Mama bindet Mia ein Lätzchen um den Hals. Mia ist schon ganz ungeduldig und macht schon mal den Mund auf: „Ähähähäh!“ ruft sie und zeigt auf ihre Trinkflasche.

Ja, also, nicht soo viel, dass es sich für einen Einbrecher lohnen würde“, sagt Mama, „aber wir haben schon ganz schön viel. Wir können in einem kleinen Haus wohnen, aber das kann man ja schlecht klauen. Wir haben zwei Computer, die kann man bestimmt klauen, aber die sind schon ganz schön alt. Wir haben genug zum Anziehen, und wir verdienen übrigens genug Geld, um Äpfel zu kaufen. Die sind nämlich gar nicht soo teuer. Und das allerwertvollste, Paul, das ist, dass wir uns lieb haben. Das kann nun wirklich keiner klauen.“

Paul legt den Kopf schief und denkt ein bisschen. Mama schiebt Mia den Trinkflaschenschnulli in den Mund. Mia gluckst und verschluckt sich und prustet eine Wasserfontäne und muss dann lachen. Sie streckt ihre Händchen in die Luft und zeigt auf Paul und sagt: „Baul! Baul!“ Paul muss ein bisschen mitlachen. Und kitzelt Mia sanft am Hals.

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