Paul und das Ungeheuer

16. Januar 2011 § 2 Kommentare

 Seit einiger Zeit wohnen im Wolkenheim noch andere Bewohner. Das Gespenst im Flur zum Beispiel. Es wohnt direkt neben der Badezimmertür, und wenn es draußen dunkel ist, dann zieht es Fratzen, und Paul kriegt Angst, alleine auf`s Klo zu gehen.

Noch viel schlimmer sind die Gespenster, die in Pauls Zimmer wohnen. Manchmal lauern sie unter Pauls Bett oder im Schrank. Mama sagt, Paul soll ganz laut zu den Gespenstern sagen, dass sie jetzt aber mal verschwinden sollen, aber zackzack!

Paul erklärt Mama, dass er die Gespenster ja auch tot machen könne, aber Mama meint, dass bringe nicht viel, weil die Gespenster ja quasi schon tot seien.

Heute hilft das laut „Zackzack!“-Sagen aber wirklich nicht, denn heute abend sitzt in Pauls Zimmer, hinter dem Regal, kein Gespenst, sondern ein Ungeheuer.

Ganz klar, dass Paul heute nicht in seinem Zimmer schlafen kann und Hasenohr sowieso schon gar nicht.

Paul klemmt sich Hasenohr unter den Arm und marschiert nach unten ins Wohnzimmer, wo Mama und Papa auf dem Sofa sitzen und große dicke Gläser in den Händen halten. Die haben so einen Stil unten dran, und innen drin schwimmt roter Saft.

Paul guckt sich mit großen Augen um. Auf dem Tisch und auf den Schränken stehen Kerzen und flackern gelbes Licht in die Dunkelheit. Mama sieht ein bisschen anders aus, aber Paul ist sich nicht ganz sicher, woran das liegt.

Papa hat einen Arm um Mama gelegt und will ihr wohl gerade etwas ins Ohr flüstern.

Als Paul plötzlich neben dem Sofa steht, und sagt: „Da ist ein Unneheuer hinter meim Regal“, da ruft Papa: „Arhhh!!“ und der Arm, der um Mama gelegen hat, fliegt in die Luft.

Mama ruft nicht, aber der rote Saft in ihrem Glas schwappt bis zum Rand, so ist sie zusammengezuckt. Sie stellt ihr Glas auf den Wohnzimmertisch und lehnt sich zu Paul nach vorne: „Hast du ihm schon gesagt, dass es aber ganz zackig verschwinden soll?“

Paul seufzt. Mama hat keine Ahnung von Ungeheuern: „Aber Mama, das ist doch kein Gespenst, das ist ein Unneheuer! Das geht nicht!“

Mamas Augenbrauen wandern nach oben.

Zackzack geht nur bei Gespenstern“, erklärt Paul geduldig, „Unneheuer gehen nicht weg.“

Ist es sehr groß?“ fragt Mama.

Paul nickt: „Ganz, ganz, ganz groß!“

Verstehe“, sagt Mama schließlich.

Paul atmet auf. Jetzt ist auch Mama klar, dass Paul und Hasenohr heute nacht unter ihrer Decke schlafen müssen.

Da hilft wirklich nur eines“, sagt Mama.

Paul lächelt.

Mama steht auf und geht auf die Tür zu. Was will sie denn im Flur?

Und du bist sicher, dass es sich um ein Ungeheuer handelt?“ fragt Mama über ihre Schulter hinweg.

Paul nickt.

Hier irgendwo habe ich sie doch“, es raschelt im Flur, „aha!“ sagt sie, „da ist sie!“

Paul legt die Stirn in Falten.

Mama erscheint wieder im Türrahmen. In der rechten Hand hält sie das Telefon und in der linken einen Zettel. Dann tippt sie eine Nummer ein und wartet ein bisschen.

Hallo?“ sagt Mama in den Hörer, „spricht dort das `Ungeheueraufbewahrungsheim´? Ja, wir hätten da eines.“

Mama schweigt in den Hörer.

Paul spürt, wie seine Beine zittern. Nur mit T-Shirt und Gute-Nacht-Windel ist es doch ein bisschen kalt.

Könnten Sie es heute abend noch abholen?“ Wieder macht Mama eine Pause.

Papa hebt Paul aufs Sofa und zieht eine Decke über seine Beine. Papa riecht heute aber gut. Von Hasenohr gucken nur noch die langen Ohren heraus. Paul zieht ihn ein bisschen hoch, damit Hasenohr auch gut sehen kann.

Verstehe“, sagt Mama, „und was kostet das? Und es kann dann nie, nie wieder kommen?“

Mama blinzelt Paul zu.

Und wie kriege ich das Ungeheuer aus Pauls Zimmer?“

Jetzt lacht sie: „Das schaffe ich!“

Als sie aufgelegt hat, sagt sie zu Paul: „So, mein Lieber, dann komm mal mit.“

Paul schiebt seine Hand in Mamas Hand und zusammen gehen sie in sein Zimmer.

Da ist es ja!“ sagt Mama, und sie klingt fast fröhlich, „dann wollen wir mal.“

Sie krempelt die Ärmel ihrer Bluse hoch und fasst das Ungeheuer einmal um den Bauch.

Puh!“ stöhnt Mama, „das ist ja schwer!“

Ächzend hebt sie das Ungeheuer hoch und mit Armen, die aussehen, als würde sie ein unsichtbares Fass umarmen, schiebt sie sich an Paul vorbei, schlängelt sich seitlich durch die Tür und tapst dann langsam die Treppe hinunter.

Paul steht oben am Treppenabsatz und guckt ihr hinterher.

Paul!“ ruft Mama hoch, „Papa bindet den Kerl mit einem Seil am Sofa fest, und gleich kommt der Abholdienst! Du kannst schon mal ins Bett gehen!“

Mama schiebt sich mit dem Ungeheuer die letzten Stufen hinunter.

Peter!“ ruft sie, „hier nimm schon mal, ich gehe noch mal hoch und decke Paul zu!“

Eine Minute später liegt Paul mit Hasenohr in seinem Bett, und Mama drückt die Decken um seine Seiten und unter die Beine, bis Paul richtig fest eingekuschelt ist.

So, Paulchen Pantherbär“, sagt Mama, „und du darfst jetzt schlafen. Kriege ich noch einen Gute-Nacht-Kuss?“

Paul nickt, und Mama hält ihre Wange vor sein Gesicht.

Mama“, sagt Paul, als Mama gerade zur Tür geht, „ist das Ungeheuer dann ganz, ganz, ganz weit weg?“

Mama nickt: „Und es kann nicht wieder zurückkommen.“

Die ganze Woche nicht?“

Die ganze Woche nicht.“

Paul brummt und dreht sich gemütlich in seiner Decke hin und her. Und dann fallen ihm die Augen zu.

Und Mama tapst lächelnd die Stufen hinunter.

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§ 2 Antworten auf Paul und das Ungeheuer

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