Penicillin und Omasorgen

20. Januar 2011 § 2 Kommentare

Penicillin macht müde. Zumindest mich.

Es wäre ja schön gewesen, wenn der Arzt, der fast täglich meinen Daumen begutachtet, eben dies mal erwähnt hätte. Und ich dachte schon, ich bekäme eine zweite Depression. Kann man überhaupt zwei haben? Klingt irgendwie komisch: „Guten Tag, mein Name ist Andersen, ich habe zwei Depressionen.“ Hmmm.

Nungut, es ist also das Penicillin, das mich so müde macht und mich beschließen lässt, die Mittagsstunde im Bett statt mit Kloputzen und Mülleimer entleeren zu verbringen .

Leider klingelt zwei Minuten später das Handy. Sonst stelle ich es immer leise. Sonst ruft eigentlich nie einer an. Nie. Nicht um diese Zeit.

„Hallo?“ schlafmurmel ich in den Hörer.

„Hallo! Hier ist deine Mutter! Ich bin im Zug und *rauschelknistermurmel*.“

Höre ich da Panik in der Stimme?

„WAS?“ rufe ich. Ich schaue auf die Uhr. Sie muss gerade erst abgefahren sein, es dauert fünf Stunden mit dem Zug zu uns, und das Handy benutzt sie nur im Notfall. Schneekatastrophe? Eisglätte? Personenschaden?

„Ich weiß das Gleis *rumpelpumpelknisterknack*.“

„HALLO???“ brülle ich, „BIST DU NOCH DA?“

*zischpengknall*

„Kannst du mal im Internet gucken, auf welchem Gleis *knister* der Zug am xy-Hauptbahnhof abfährt??“

Ungewillt, meine horizontale Mittagspause vorzeitig zu beenden, schreie ich in den Hörer: „DA GIBT ES SO ANSCHLAGTAFELN!“

„WAS?“

„Kannst du nicht den Schaffner fragen? Und da gibt es auch *ruckeldizuckknisterwumms* Anschlagtafeln!!!“

Knack. Verbindung beendet.

Na, prima.

Ich schiebe mich also vor den Computer und tippe die Ankunftszeit ein. Zug gefunden. Gleis auch.

Ich rufe an. Zweimal. Die Mailbox meldet sich. Na, prima. Akku leer? Handy leise geschaltet? Schaffner gefunden? Oder Mutter ohnmächtig und ohne Herzschlag auf dem Abteilboden?

Ich tippel in die Küche und experimentiere mit Kaffee gegen das Penicillin, als das Handy klingelt.

„HAST DU VERSUCHT, MICH ANZURUFEN?“

„ES IST GLEIS SOUNDSO!“ brülle ich in den Hörer, bevor die Verbindung wieder abbricht. Immerhin, die Oma ist noch am Leben und wenn alles gutgeht, heute abend bei uns.

Der beste Ehemann der Welt sagt, dass er eigentlich ganz froh ist, dass wir drei Jungs haben, weil die doch meist technisch versierter sind. Wenn wir dann mal so alt sind, wie die Knaben-Oma jetzt, können die uns in (reise)technischen Dingen beraten.

„HALLO???“ rufe ich dann in den Hörer meines Handys, „KLEINER RIESENSOHN? ICH BIN JETZT IN DER LUFT ÜBER XYZ, DU DENKST DOCH DARAN MICH ABZUHOLEN???“

„Mama, du musst nicht so schreien, hast du immer noch dein Handy??? Die sind doch längst überholt! Lass dir endlich mal den Chip implantieren! Dann bist du endlich wieder kompatibel!“

„HOLST DU MICH AB??? ICH HABE ANGST IM AEROPORT VERLOREN ZU GEHEN!“

„Mama, wenn du einen Chip hättest, hättest du automatisch Kontakt zu dem virtuellen Aeroportlotsen und alles wäre gar kein Problem!“

„Kleiner Riesensohn, stell ma vor! Ich durfte mein Notebook nicht mitnehmen! Der Kontrolleur hat gesagt, solche Geräte gäbe es gar nicht mehr, also wäre das Ding vielleicht eine Bom*be!“

„Oh, Mama, du benutzt das immer noch?“

„Naja, da habe ich alle Geschichten über euch aufgeschrieben. Und alle meine Bücher. Ich hänge daran.“

„Ich muss los, Mama, ich hol dich dann ab!“

Irre ich mich oder höre ich in seiner Stimme ein leises Seufzen?

Advertisements

§ 2 Antworten auf Penicillin und Omasorgen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Penicillin und Omasorgen auf Das zweite Kind sind Zwillinge.

Meta

%d Bloggern gefällt das: