Meine Woche in Dialogen.

15. Juli 2011 § 3 Kommentare

Elisabeths Zimmer sieht chaotisch aus wie mein Zimmer, als ich zwanzig Jahre alt war. Unser Ordnungssystem ist eben eher zweidimensional. Oder anders ausgedrückt: So richtig glücklich sind wir nur, wenn wir alles gleichzeitig im Blick haben, und das geht eben am besten, indem die Kleidung (und sonstiges) nebeneinander auf dem Boden liegt. So ähnlich habe ich auch meine Diplom-Arbeit geschrieben: Die Zettel mit den verschiedenen Ideen, Zahlen, Listen, Sicherheitsausdrucken etc. lagen auch alle nebeneinander auf dem Boden und während dieser Zeit durfte niemand dieses Zimmer betreten. Zu Elisabeths Anfangszeiten reagierte der kleine Riesensohn noch geschockt, wenn er ihr Zimmer betrat, um sie zu wecken (in meinem Auftrag natürlich): „MAMA! Schau mal, wie Elisabeths Zimmer aussieht!“ (Seines sah übrigens ähnlich aus, bevor ich den Entschluss fasste, 99% des Spielzeugs kindersicher aufzubewahren und nur noch gegen Pfand und Ausweis herauszugeben).

Am Dienstag Morgen öffneten Maxe und der kleine Riesensohn Elisabeths Zimmertür und der kleine Riesensohn munter sagte: „GUCK MAL, MAMA! Elisabeth hat AUFGERÄUMT! Das sieht aber hübsch aus!“

Am Mittwoch erfuhren wir davon, dass der Tumor im Kopf der Schwiegermutter bösartig ist und die Lebenserwartung noch bei acht bis zwölf Wochen liegt. Seitdem leben wir in einer seltsamen Erstarrung. „Wie geht es dir?“ fragte ich den besten Ehemann der Welt, der gewohnt trocken „Die Nachricht ist kein Stimmungsaufheller, oder?“ murmelte.

Ebenfalls am Mittwoch bemerkte ich, dass Elisabeths Sprachkenntnisse doch noch nicht so ausgereift sind, als sie sich freute, nachdem ich ihr die schlimme Nachricht mitgeteilt hatte: „Das ist doch gut“, sagte sie.

Am Donnerstag war ich mit Maxe bei der U7 und der kleine Riesensohn war dabei, um den Disput mit dem Kindergarten zu beenden, genauer gesagt, um die Frage zu klären, ob er nun Sprachtherapie benötigt oder eben nicht. Der Kindergarten ist dafür, ich bin dagegen. Die netteste Arzthelferin der Welt testete geduldig alle Wortverbindungen. Ergebnis: Das Kr bereitet Probleme. Das ist aber auch schwierig, finde ich. Nun haben wir eine Liste mit Spielen, die wir machen sollen, damit sich die Mundmotorik verbessert. Zunge herausstrecken zum Beispiel. Nach allen Seiten. Oder eine Rosine von einer Wangentasche in die andere transportieren. Gymnastik für die Zunge, also ehrlich. Maxes Untersuchung verlief leider eher zwanghaft. Als der Arzt das Zimmer betrat, versteckte er sich hinter meinem Rücken und schüttelte den Kopf, als ich ihn fragte, ob er vielleicht auf meinem Schoß sitzen wolle. Die vorherigen Messungen (Gewicht: 13.5 Kilo, Länge: 89 cm) verliefen auch mit der geduldigsten Arzthelferin der Welt nur unter Tränen. Wenn ein Kind sich nicht wiegen lässt, kann man die Mutter mitwiegen und dann die Mutter ohne Kind. Die Arzthelferin schwor Stein und Bein, mein Gewicht für sich zu behalten, während ich die Zimmerdecke anstarrte. Man muss ja nicht alles wissen. „Und dies hier“, sagte die Arzthelferin dann noch, während sie mir einen Zettel überreichte, „können Sie noch ausfüllen.“ Zweijährige Kinder bei der U7, habe ich gelernt, sollten zehn bis fünfzig Wörter in ihrem aktiven Wortschatz haben. Toll wären auch Zweiwortsätze. Fasziniert las ich mir eine lange Liste mit Begriffen wie Auto, Apfel, Banane, Milch und Katze durch. „Äh“, sagte ich, „Maxe spricht keins von diesen Wörtern.“ „Kein Problem“, sagte die Arzthelferin, „dann schreiben Sie einfach alle Wörter, die er kann, darunter.“ Brav notierte ich „Mamam“ (muss ja keiner wissen, dass das Essen bedeutet), „Wauwau“ und „Dadada“ unter der Wortliste. Maxe ist jetzt also ein „Late Talker“ und muss zum Hörtest, um Ohrenprobleme auszuschließen. Nun üben wir mit Sohni, damit er nicht auch zum Hörtest muss. Elisabeth habe ich schon eingeweiht. Zehn Wörter muss er lernen. „Bis wann?“ fragte Elisabeth. „Wir haben zwei Wochen Zeit“, antwortete ich optimistisch, „Sohni, sage mal liebe Mama!“ Gilt Lala eigentlich auch als Wort?

Am Freitag, also heute, fuhren die großen Männer in Richtung unserer ehemaligen Heimatstadt, um den kleinen Riesensohn bei der einen Oma abzugeben, während der beste Ehemann der Welt die andere Oma im Krankenhaus besuchen wollte. Irgendwie hat der kleine Riesensohn was mitgekriegt, aber nicht so richtig verstanden. „Papa, ist die Oma schon gestorben?“ „Nein“, erwiderte der ansonsten beste Ehemann der Welt, „sie ist noch dabei.“ Puh. Seltsame Erstarrung. Der kleine Riesensohn und der Tod. Die Welt und der Tod. Mein Leben und der Tod.

Elisabeth hatte einen Behördentermin und so hatte ich heute den ganzen Tag Zwillingsdienst. Um zehn Uhr morgens diskutierte ich mit dem neuen Architekten die neuen Pläne. Hoffentlich klappt der zweite Anlauf. Auf der Rückfahrt im Bus von unserem Spielplatzausflug am Nachmittag hörte ich zwangsweise zwei älteren Damen zu, die sich lautstark recht laut über die „jungen Leute, die alle keinen Respekt mehr haben“ unterhielten. Insbesondere ging es um „die Mütter“, von denen wohl schon mindestens eine der einen Dame ans Bein gefahren war. Uff, schämte ich mich kurz, das ist mir auch schon mal passiert. Der Zwillingswagen ist so lang, dass ich manchmal vergesse, wo er aufhört. Andererseits, überlegte ich dann, ist es nicht auch irgendwie respektlos, in Gegenwart von zwei Müttern mit jeweils zwei Kleinkindern und Doppelpackkinderwagen, die STEHEN, weil die Damen die dazugehörigen Sitze blockieren, über deren Respektlosigkeit zu reden? Ich finde schon. „Das ist Quatsch, was die da sagen, oder?“ fragte ich die andere Mutter, die mich daraufhin anlächelte. Wir gründeten spontan eine Selbsthilfegruppe im Bus und tauschten uns über die Sprüche aus, die wir bereits von älteren Damen gehört haben („DAS ist aber viel ARBEIT!“), und mussten uns dann leider verabschieden. Vielleicht treffe ich sie nochmal wieder… Wäre schön.

Und jetzt verehrte Leser und Leserinnen, falle ich in nullkommanichts ins Bett, um fit zu sein für ein Wochenende mit zwei liebenswürdigen, aber energiegeladenen Buben, die hoffentlich morgen früh ausnahmsweise einmal lange schlafen werden. Vielleicht sogar bis sieben.

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§ 3 Antworten auf Meine Woche in Dialogen.

  • MiA sagt:

    Uh, das mit deiner Schwiegermama tut mir leid…. das ist nicht einfach. Das ist… eigentlich gar nichts, weil man so einen Zustand nicht in Worte fassen kann =(

    Ich überlege gerade, wie viele Wörter der kleine Ausbilder kann.. ob ich auf 10 komme? Zweiwortsätze? In jedem Fall Fehlanzeige, auch wenn er noch 4 Monate Zeit hat. Und wenn ich an Größe und Gewicht denke, wird mir schlecht… 78 cm und 9,8 kg. Ich bin schon froh, dass er jetzt Bobbycar fahren kann =P und einmal auf einen Stuhl geklettert ist… und sich alleine auf eine Treppenstufe setzt… wobei mir auffällt, er hat nen Schub gemacht!

    Liebe Grüsse,
    MiA

  • Mara Solanum sagt:

    Größe und Gewicht sind doch ok, ihr seid ja auch keine Riesen, während der beste Ehemann der Welt ein Riese ist. Sie sind groß für ihr Alter. Und vier Monate ist wahnsinnig viel Zeit, er wird noch viele Sprünge machen und du darfst dann immer mitstaunen 😉 .
    Tja, die Schwiegermuttersitutation ist unfassbar, aber allmählich haben wir wieder ein wenig Grund unter den Füßen.
    Liebe Grüße,

  • […] einiger Zeit hatte die Zwillimama auf ihrem Blog von der U7 des einen Zwills berichtet.  Dabei hat sie auch beschrieben, dass ein Zweijähriger zwischen 10 und 50 Wörtern beherrschen […]

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