Mammut

29. Oktober 2011 § 7 Kommentare

Einen Vormittag lang zwei fünfjährige statt zwei zweijährige Jungs zu hüten, ist total entspannend, ja fast schon Urlaub.

Dachte ich. Heute morgen. Als ich unser Haus und die beiden zweijährigen Jungs in der Obhut Elisabeths zurückließ, um Robin abzuholen, den besten kleinen Kumpel des kleinen Riesensohnes. Zusammen wollten wir uns die Mammutausstellung ansehen, sollte die doch besonders kinderfreundlich sein.

Kindesübergabe am Bahnhof von Robin-Papa an Melek-Mama:

„Hat Robin Essen und Trinken dabei?“

„Nö, wieso?“

„Vierjährige Kinder haben immer Hunger.“

„Hallo? Wir haben gerade gefrühstückt.“

(Ich sollte als Hellseherin arbeiten.)

Um viertel vor zehn waren wir da. Um zehn Uhr öffnet die Ausstellung. Was machen Kinder bei Wartezeiten?

„Mama, ich habe Hunger“, sagte Melek, der zu Hause 98 Knäckebrotscheiben gegessen hatte.

„Ok“, sagte die Mutter, „kommt wir setzen uns hierhin.“

Robin wollte auch was essen, aber der gelbe Käse hielt ihn davon ab: „Ich ess keinen gelben Käse!“ „Und ohne Käse?“ „Nein!!!“

Nur so war es zu erklären, dass er nach Mittagessen fragte, als wir um viertel nach zehn von Toilette und Schließfach zurückkehrten und auf das lebensgroße Mammut zuhielten. „Robin, wir essen jetzt kein Mittag, wir haben gerade alle gefrühstückt!“ erkläre ich geduldig.

Das lebensgroße Mammut angucken dauerte 45 Sekunden („Guck mal, das ist der Pe*is!“) und dann hielten wir Kurs auf den Kinder-Mitmach-Bereich, in dessen Mitte ein meterlanger, kniehoher Spieletisch mit aufgemalter Savanne, See, Bächen und stapelbarer Hügellandschaft auf uns wartete. Nach zwei Stunden kaltem Hintern entdeckte ich auch die dazu passenden Höckerchen, die – geschickt als Mammuts getarnt – neben den Backen- und Stoßzahnexponaten standen.

Nachdem wir den Spieleschrank mit fünf Mammuts, einhundert Przewalski-Pferden, zwei Säbelzahntigern, sieben Spielzeugbäumen, dreißg Hecken und fünfzig Elefanten geräubert hatten, bauten wir Urgeschichte nach. Das Mammut fraß den einzigen Fisch und dann den Urzeitmenschen, der Säbelzahntiger griff alles an, was nicht bei drei auf den Bäumen war, außerdem fackelte das batteriebetriebene Lagerfeuer beinahe die Höhle ab und das Mammutskelett erwachte zum Leben und stellte fest, dass es keinen Mund hatte, um all die schönen Blätter zu kauen. Nur für die einhundert Przewalski-Pferde, die übrigens alle ihren Kopf zart nach rechts neigten, zeigte sich kein Interesse. Kein Wunder, die haben auch keine Zähne. Jedenfalls keine spitzen.

Spätestens bei der Sache mit dem Fisch fiel mir dann noch etwas auf:

„Ich will auch den Fisch haben!“

„Nein!“

„Aber du hattest den schon ganz lange und ich noch niiiieee!“

„Nein, ich brauch den!“ (Der Fisch steckte gerade im Mammutmaul.)

„Mama, der Robin gibt mir den Fisch nicht!“

„Tja, das musst du mit Robin regeln, Schatz.“

„Ich will aber den Fisch!“

„Ich bin ja sowieso auch ziemlich sicher, dass Mammuts keine Fische essen.“

„Doch, Mara!“

„Aber der Robin hat…!“

„Ich schlage vor, wir geben den Mammuts mal Äpfel.“ Ich rolle verstohlen Handtuchtrockenpapiere zu weißen Kügelchen und verteile sie an die Mammuts. Hoffentlich schimpfen die Aufseher nicht. Die waren ja schon streng, als wir den Öffnungmechanismus der elektrischen Tür testeten.

„Melek hat mehr!“

„Robin hat mehr!“

„Ok, wer braucht noch Äpfel?“

„Ich! Ich! Ich!“

– kurze Pause –

„Mama! Ich habe acht Äpfel und Robin nur sieben!“

„Gar nicht!“

Ratet mal, wie´s weiter ging…

Um halb zwölf gab dann Robins Magen auf und wollte essen.

Ich erbarme mich und wir holen unsere Sachen aus den Schließfächern. Melek schließt auf. Robin schließt ab. Und zieht den Schlüssel ab. Fehler. Böser Fehler.

„Mama!!!!!! Robin hat den Schlüssel abgezogen!!!!!“

„???“

„Ich habe den Schlüssel noch nieeeee abgezogen!!!“

„Schatz, wenn wir zurückkommen, tauschen wir. Dann darfst du abschließen und Robin schließt auf, dann haben wir Gleichstand.“

Uff, gerettet. Zumindest für die nächsten zehn Minuten.

Beim Bäcker kürzte ich die Diskussion, wer von dem gemeinsamen Weckmann denn nun die Pfeife und wer den Lutscher haben durfte, damit ab, dass ich stattdessen kurzerhand zwei Schokobrötchen bestellte… Danach noch Hände waschen („Ich will aber zuerst!“), aufs Klo („Kannst du mit reinkommen, Mara?“), wieder in die Ausstellung, zum Schließfach („ICH zieh den Schlüssel ab! I-ICH!!!“) und ab in den Spielraum. Bis zehn Minuten später die Robin-Mama durchklingelte und Robin gerettet in ihre Arme fiel…

Die Rückfahrt verlief ohne Zwischenfälle. Wenn man mal davon absieht, dass Melek und ich dreieinhalb Minuten unter einer Bank im Hauptbahnhof verbrachten, um den Euro wiederzufinden, auf den Melek „ganz gut, Mama!“ aufpassen wollte und der sich, wie sich herausstellte, zwischen seinem Bauch und dem öligen Boden versteckt hatte.

Ausstellung mal anders. Aber das Spielen war toll.

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§ 7 Antworten auf Mammut

  • aleXXblume sagt:

    Aaahahahaha, hier bei unserem Vierjährigen und seinem besten Freund genau das gleiche! Spielzeug-Wettrüsten (Mamaaaa, der Q. hat jetzt noch einen Transformer, ich will auch noch einen!!!), Brotzeit-Competition (Der J. hat einen grünen Becher, ich will keinen blauen!!!!) und Kindergarten-Weg-Wettrennen (Ich binerster, iiiich! Neiiin, iiiiich!!!) inclusive….. Zum Haareraufen…. wenn sie nur nicht zwischendurch so unglaublich „ein Herz und eine Seele“ wären… 🙂

  • Uiuiui, das klingt ja wirklich nach wenig Entspannung… Dankeschön dann um so mehr! Robin hat’s so gut gefallen, dass er heute am Liebsten schon wieder ins Museum wollte. Wir einigten uns auf eine Alternative mit Gummistiefeln, Schweine besuchen und vermutlich einem Fluss… Bin schon gespannt. Versucht er bei Dir eigentlich auch ständig zu verhandeln? Oder Melek? Noch fünf Minuten spielen. Nein, zehn! usw…

  • Mara Solanum sagt:

    @aleXXblume: friederike meint, es liegt am Y-Chromosom… und sobald wir wieder zuhause waren, wollte melek („ein herz und eine seele“)wieder zu robin… (wann können wir endlich mal robin besuche?) ich muss mich da noch ein bisschen dran gewöhnen…

    @friederike: mach dir mal keine gedanken, und wir können gerne noch einmal dorthin, ich darf mit studentenausweis nämlich umsonst dort hinein 😉 und überwiegend haben sie wirklich gut miteinander gespielt. liebe grüße

  • PrimaPeter sagt:

    Ich glaub, da werde ich der Mara mal wieder die Kinder hüten oder verköstigen müssen…Hatte an den Morgen an vieles gedacht, aber nicht an Robins Hunger.

    Vielen Dank jedenfalls, dass Du den Halbtag Urlaub mit Robin und Melek verbracht hast 🙂

  • b. sagt:

    hey, mach mal keine welle wegen eines schokobrötchens… der ist süß, der knirps 😉

  • PrimaPeter sagt:

    „mach mal keine welle“ ??

    manchmal schockiert mich deine ausdrucksweise…

  • b. sagt:

    immerhin ist der milchschorf jetzt ab.

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