Weihnachten

19. Dezember 2011 § Ein Kommentar

Am Sonntag habe ich die Predigt eines jungen Mannes gehört, der gestand, Weihnachten nicht zu mögen. Zu groß erscheine ihm die Kluft zwischen der Aussage der biblischen Geschichte und unserem Konsumfest, wobei echte Freude natülich jedem gegönnt sei.

Als ich heute morgen mit Elisabeth beim Ausländeramt saß und der Beamte, der die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung zwischen seinen filigranen, bürokratischen Fingern balancierte, während die Radiosprecherin: „Welches Smartphone passt zu mir? Angesichts des Weihnachtsfestes eine wichtige Frage“, sagte, gab ich dem depressiven Prediger im Stillen recht.

Im Bürokratendeutsch setzte Herr U. Elisabeth (20 Jahre alt) auseinander, wie wo was sie tun hätte, damit… denn ansonsten hätte sie mit „aufenthaltsbeendigenden Maßnahmen“ zu rechnen.

Auslängerämter sind unmenschlich

Nicht einmal zur Begrüßung hat Herr U. mich angesehen, meine Anwesenheit hat aber wohl gewirkt, denn laut Elisabeth war Herr U. noch nie so nett zu ihr gewesen (und ich fand ihn immer noch unfreundlich).

Aber Weihnachten… es gibt kein Konsumfest für uns, die Kinder bekommen einen Verkehrsspieleteppich für 29,95 Euro plus Diversigkeiten der Großeltern. Fertig. (Wir-mit-Kind sehen dies erfreulicherweise auch so).

Für den besten Ehemann der Welt gibt es ein Comicbuch, das ich auf dem Kinderflohmarkt entdeckt habe (und ich weiß, er mag es) und für mich?

Eigentlich hatten wir die Geschenke ja abgeschafft.

„Für dich habe ich auch was“, äußerte der beste Ehemann der Welt überraschend.

„Was ist es denn?“

„Halloo?“

„Ein Elektronostalgiefahrrad?“

„Nööö.“

„Was ist es? Was ist es? Gib mir einen Tipp!“

„Es hat auch Räder.“

„Ein Mikroskop?“

„Du hast schon eines.“

„Mmh.“

Inzwischen habe ich es herausgefunden, es ist ein Bürostuhl, weil von meinem die Sitzfläche immer abfällt. Den gibt es gerade bei Aldi.

Ich habe dem ansonsten besten Ehemann der Welt diplomatisch mitgeteilt, dass Bürostuhl direkt hinter Pfanne komme und also, bitte, gerne, aber nicht als Weihnachtsgeschenk.

Das Programm hätten wir auch schon soweit zusammen:

Am letzten Donnerstag fragte der Robin-Papa, was wir denn so an Weihnachten machen?

„Kroketten und Cordon bleu“, erwiderte ich, „das kann man im Ofen warmmachen.“ *

„So ungefähr habe ich mir das vorgestellt“, antwortete Robin-Papa und nicht mehr weiter gefragt.

Und heute morgen, vor dem Termin beim Ausländeramt, erkundigte sich der kleine Riesensohn nach dem Weihnachtsbaum.

„Ach, weißt du, Melek“, sagte ich, „ich habe mir überlegt, dass wir einige Tannenzweige an den Baum über unserem Sofa hängen.“ Da hängt nämlich seit einigen Wochen ein Korkenzieherhaselast, an dem jahreszeitenmäßig bedingt Klimbim hängt. Warum also keine bunten Kugeln? Außerdem kommen die Toddler da nicht dran.

„Ich will auch Zweige an meinem Baum!“ erwiderte Melek, denn er hat auch einen Korkenzieherhaselast, der allerdings etwas kleiner ist.

Die Kirche, die wir besuchen, feiert übrigens auch nach meiner Gangart. Jeder bringt Kekse mit, außerdem ein Lied, ein Gedicht, eine Geschichte oder sonst etwas und Hauptsache, es gibt Platz und Zeit zum Reden. So von Seele zu Seele sozusagen, eng zusammenrücken in dieser kalten Jahreszeit, wo wir doch wissen, dass unter jedem Dach auch ein kleines oder großes Ach schlummert. Der Selbstmord der besten Freundin zum Beispiel. Die Schweineeinsamkeit ohne Familie. Krebs im Kopf. Krebs im Blut. Schuldenberge. Und Freundlosigkeit. Wärme geben, Kekse knuspern, sich freuen mit und an dem anderen, weinen auch erlaubt, so stelle ich mir Weihnachten vor. Und Smartphones dürfen draußen bleiben.

*Noch feiern wir Weihnachten unter dem Gesichtspunkt „Stressreduktion“

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§ Eine Antwort auf Weihnachten

  • Talili sagt:

    Mir gefällt eure Art Weihnachten zu feiern. Es muss ja auch nicht das ganze Brimborium sein. Und mit den Geschenken sehe ich es auch so: da ist weniger tatsächlich mehr. Und wenn durch die entfallene Kochorgie auch noch Extrazeit mit der Familie rausspringt, um so besser 🙂 ich freue mich auch schon auf die Tage, so entspannt wie möglich Zeit zu viert zu genießen und das ganze Jahr nochmal Revue passieren zu lassen. Viel Spaß beim gemeinsamen Ast schmücken… Viele Grüsse

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