Logische Konsequenz

17. Februar 2012 § 5 Kommentare

Ist mein Lieblingsbegriff in der Kindererziehung. Strafe fand ich nämlich schon immer blöd. Was hat es damit zu tun, dass der kleine Riesensohn keinen Film gucken darf, wenn er frech zu mir ist?

„Und rate mal, wie viel Lust ich habe, mit einem Kind, das mich Blödmann nennt und mir die Zunge herausstreckt, ein Buch zusammen zu lesen?“ frage ich stattdessen, und meistens klappt das ganz gut.

Leider stelle ich immer wieder fest, dass Kindererziehung, auch die mit der logischen Konsequenz, fast unweigerlich eine Mischung aus Manipulation, Erpressung, Drohung und Machtausübung ist. Manchmal macht mich das ganz traurig. Aber wie soll ich sagen: Schön ist es nicht, aber immerhin die beste Methode, die ich kenne. Und sie hat mir schon so manche Nerven gespart, weil die Diskussionen größtenteils wegfallen.

„So, ihr Lieben“, sage ich zu Sohni und Melek, die nach dem Abendessen im Wohnzimmer herumtoben, „bitte einmal beim Abräumen helfen.“

„Nö-ö“, kommt es zurück. Wenn Melek nix macht, macht Sohni sehr wahrscheinlich auch nichts.

„Leute“, argumentiere ich, „wenn ich das jetzt alles alleine aufräume, dann ist es schon spät, dann schaffen wir allenfalls einen kurzen Film.“

Zwei kurze Filme mit dem kleinen Maulwurf auf Youtube waren ausgemacht. Kein Kind reagiert.

Ich räume ab.

Melek baut ein Klettergestell aus zwei Kinderstühlen und einem Stuhl für die Erwachsenen.

„Melek“, mahne ich, „räume bitte wieder auf, sonst wird es zu spät für irgend einen Film.“

Melek klettert. Sohni hockt in der Sofaecke und tut so, als wäre er nicht da.

„Ich mache schon mal Sohni und mich fertig. Stell die Stühle bitte zurück und komm ins Bad.“

Sobald ich aus der Tür bin, tut er, was ich sage. Ich glaube, er ist nicht gerne alleine in einem Zimmer.

„Was jetzt?“ fragt er im Bad.

„Einmal auf`s Klo“, beginne ich die abendliche Aufgabenliste zu verlesen, „und Hände waschen. Dann Zähne putzen.“

Melek macht alles, außer…

„Zwerg“, mahne ich, „weißt du noch, was du tun sollst?“

Alles vergessen.

„Klo-ho“, insistiere ich.

Melek trollt sich Richtung Klo. Guckt, spielt, sortiert die Klopapierrollen…

Ich bin fertig. Meine Zähne sind geputzt, die von Sohni auch. Sohnis Bux ist frisch, das Gesicht gewaschen, meine Medikamente im Magen, ich wende mich zur Tür.

„Süßer, wir sind dann mal im Bett. Kommst du dann hoch, wenn du fertig bist?“

Verblüffung auf dem süßen Gesicht: „Gucken wir keinen Film?????!“

„Es ist schon spät, mein Lieber, und warst noch nicht einmal auf dem Klo.“

„Du sollst WARTEN!“ Der kleine Riesensohn sieht seine Felle davon schwimmen.

„Ich“, sage ich und gähne, „gehe jetzt ins Bett. Die Zahnbürste liegt am Waschbeckenrand.“

„Ich komme GAR NICHT!“ ruft Melek, „NIE komme ich! ICH bleibe für IMMER hier unten! UND ICH SCHLAFE AUCH NICHT!“

„Ok“, sage ich mütterlich, „dann sehen wir uns morgen.“

„UND ICH LADE DICH AUCH NIE WIEDER EIN!“

Melek rennt hinter uns die Treppen hoch.

„Hast du schon Zähne geputzt?“

Er schüttelt den Kopf. Er ist sauer. Wer kann es ihm verdenken?

„Ich putze NIE mehr meine Zähne!“

„Dann wirst du Karies bekommen.“

„Nein, werde ich nicht! Ich putze die morgen!“

„….“

„Was ist Karies?“

„Das sind schwarze Löcher in den Zähnen. Und wenn die groß werden, tut das auch weh.“

„Ich bin gleich wieder da“, erwidert er, und wie der Blitz ist er wieder da.

Dann liegen wir doch recht schnell im Bett. Klar, darf er noch schmusen. Ich bin ja gar nicht so. Aber um halb acht liege ich gerne im Bett. Und dann geschehen immer diese kleinen Wunder.

„Mama“, sagt Melek, „ich habe dich soooo lieb.“ Tausend Küsschen.

„Bis zu den Sternen! Und zurück! Und durch die Sonne! Und den Mond! Bis zu Gott! Und wieder zurück!“

„Oh“, sage ich, „so eine große Liebe. Da freue ich mich.“

Und damit ist das große Trara ohne weitere Diskussion beendet, und wir steuern auf direktem Kurs ins Meer der abendlichen Gespräche.

„Mama, ich bin müde“, gähnt der kleine Riesensohn, „und ich will ein echtes Handy.“

„Mmh“, murmel ich müde.

„Außerdem weiß ich nicht, was ich tun soll, wenn ich erwachsen bin.“

„Och, bis dahin ist noch viel Zeit zum Überlegen“, tröste ich.

„Ich will aber nicht heiraten!“

„Musst du ja auch nicht“, sage ich, „es gibt auch Menschen, die nicht heiraten.“

Melek denkt.

„Wenn, dann soll die Frau einen Angelschein haben. Und einen Autoschein. Das hab ich dann auch, dann können wir zusammen angeln.“

„Aha“, Lummerland holt mich ein.

„Und wir können dann mit dem Auto zur Arbeit fahren. Sie fährt zur Mädchenarbeit und ich zur Jungenarbeit.“

„Chrrr“.

„Mama? Gibt es Mädchen- und Jungenarbeit?“

„Waah?“

„Gibt es Mädchen- und Jungenarbeit?“

„Mmm, theoretisch können Männer und Frauen dasselbe arbeiten. In jedem Beruf gibt es Männer und Frauen.“ Die unterschiedlichen Neigungen, die ungerechten Bezahlungen, die Frauenquoten lasse ich aus taktischen Gründen heute mal weg. „Deine Augenärztin zum Beispiel ist eine Frau. Dein Kinderarzt ein Mann.“

„Und kriegt man auch Geld für das Arbeiten?“

„Jaaa.“

„Und von wem kriegt der Arzt das Geld?“

„Von den Krankenkassen.“

„Hä? Wie das?“

„Das, mein Lieber, erkläre ich dir morgen“, bis ich das mal erklärt habe…

Am Morgen habe ich meist Glück und die brennenden Fragen des Vorabends treten erst einmal hinter die Belange des Alltags zurück.

„Ich will heute als Schmetterling in den Kindergarten!“ sagt Melek fröhlich. Und auch wenn ich so auf die Schnelle keine Flügel basteln kann, für einen Schmetterling im Gesicht reicht es allemal. Sieht auch nicht so unheimlich aus wie der Pirat gestern.

In der Säbelzahntigergruppe lasse ich ihn dann fliegen, meinen Schmetterling, vorbei an Rotkäppchen und den Piraten. Und heute nachmittag fliegen wir dann weiter in ein Wochenende ohne besten Ehemann der Welt und ohne Sohni. Vater-Sohn-Wochenende. Die beiden haben den dünnsten Draht zueinander, Zeit zum Anfreunden. Immerhin geht Sohni schon mit Papa alleine einkaufen. Und wir drei übrigen werden dann wohl Karnevalfeiern, Kamelle fangen, Schwimmen gehen. Und dann mal weitersehen.

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§ 5 Antworten auf Logische Konsequenz

  • Das Gespräch mit Melek ist ja cool! Sollte wohl auch mal derartige Gesprächssituationen zu schaffen in Betracht ziehen. Bislang wollte Mr Son nur „auch mal dustieren“. Aber das sind immer so Einzelaussagen. Wie kamst Du auf die Kuschelzeit-Idee? Und wer schläft für gewöhnlich zuerst ein? 😉

  • Andrea sagt:

    Süß!
    Ich bin immer wieder froh, dass die Kleinen Ärger so schnell vergessen und zur gewohnten Tagesordnung übergehen.

  • mara sagt:

    @ Frau Sieb: Wir kuscheln jeden Abend. Es gibt einen Film oder ein Buch, dann erzählen wir uns, was wir am Tag so gemacht haben und dann beten wir noch. Je nachdem schläft Melek ein wie ein Stein. Maxe kann das auch gut. Sohni und ich sind die Grübler in der Familie.

    @ Andrea: Ohja, da bin ich immer wieder froh drum. Die Wellen mögen hoch schlagen, aber sie beruhigen sich auch schnell wieder.

    Euch einen guten Tag! Liebe Grüße, Mara

  • Liliana sagt:

    Liebe Mara,

    deine Beiträge, in denen du diverse Gesprächssituationen nochmal wiedergibst, lese ich mit einem Schmunzeln immer wieder gerne. Meine Zwillinge werden morgen 10 Monate alt und ich bin sehr gespannt, was mich da noch alles erwartet!

    Schönen Abend und lieben Gruß, Liliana

  • mara sagt:

    Die Dialoge sind zu 90% genau so gelaufen! Du darfst dich freuen auf viele interessante Kindergespräche! Ich finde sie genial!
    Auch wenn ich immer mehr graue Haare kriege.
    Liebe Grüße, Mara

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