Ab in den Sack

1. April 2012 § 11 Kommentare

Meine erste Begegnung mit AIDS, an die ich mich erinnern kann, war in einem schneereichen Winter. Ich stand ganz oben auf unserem Rodelberg und wartete auf freie Bahn, als sich hinter mir zwei ältere Jungs unterhielten.

„Weißt du, wofür AIDS die Abkürzung ist?“ fragte der eine.

„Na?“ sagt der andere.

„Ab in den Sack.“ Sie lachen, und ich finde es ekelhaft, so darüber zu reden.

„AIDS“, das war mein erster Gedanke, als die Robin-Mutter mir mit roten Wangen erzählt, wo sie unsere Jungs wiedergefunden hat.

Vergnügt hatten wir drei Erwachsenen gelacht, Tränen aus den Augen gewischt und waren abgelenkt, da sagte sie, „wo sind denn eigentlich unsere großen Jungs?“

Sie waren zwischen Bäumen, neben dem kleinen Museum in der Nähe des Spielplatzes und haben Spritzen gefunden.

„Robin“, frage ich, „hast du irgendetwas davon in den Mund genommen oder dich gepiekst?“

Robin schüttelt den Kopf.

Melek hat aber. Er zeigt mir den Einstich auf der Zeigefingerkuppe, und mein Herz sackt in die Hose.

„Hast du die Krankenkassenkarte dabei?“ fragt der beste Ehemann von allen, und dann teilen wir uns auf. Ich fahre mit den Zwillingen nach Hause, der beste Ehemann von allen in die Kindernotfallambulanz. Zwischendurch ruft er an und fragt nach den Impfungen, Hepatitis B? Ja, da hat er den vollen Schutz.

„AIDS-Test?“

„Die Ärztin schaut gerade, wann man den machen kann.“

Warten, warten und grübeln. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Wie viele von den Drogensüchtigen haben AIDS? Wie wird das nochmal übertragen? Der Ehemann soll genau nachfragen, immerhin muss ich morgen den Kindergarten informieren. Wie wird der wohl reagieren?

Morgen rufe ich die Zeitung an, die Stadt, das Ordnungsamt. Die Notfallärztin hat erzählt, dass sie schon mehrmals Kinder wegen Spritzen in der Ambulanz hatte, die Nähe zum Bahnhof und so weiter.

Ich versuche, jetzt mal nicht weiter zu denken.

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§ 11 Antworten auf Ab in den Sack

  • Suklaa sagt:

    Das HIV-Risiko tendiert gegen Null. Höchstens ca. 7% der Intravenös-Drogenabhängigen sind mit HIV infiziert. Das Risiko einer Übertragung bei Nadelstich liegt bei 0,3% (von 1000 Personen, die sich mit einer kontaminierten Nadel stechen, infizieren sich 3). Je nach Menge des übertragenen Materials (z.B. Blut) natürlich. Bei schon eingetrockneten Nadeln ist eine Übertragung so gut wie unmöglich. Es ist relativ unwahrscheinlich, dass die Konsumenten erst vor 10 Minuten die Nadeln zurückgelassen haben, also ist davon auszugehen, dass kein infektiöses Material mehr übrig war, wenn es überhaupt je vorhanden war. Dasselbe gilt auch für Hepatitis C, allerdings ist da das theoretische Übertragungsrisiko höher.
    Ich kann verstehen, dass die Panik jetzt trotz aller rationalen Überlegungen groß ist. Alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, kennen diese Sorge nur zu gut. Absolute Sicherheit besteht erst nach 3-6 Monaten (vorher können die Tests falsch negativ sein). Ich fühle mit und drück die Daumen, dass alles gut geht (wovon ich überzeugt bin)!

  • mara sagt:

    Suklaa, ich küsse dich. Die Ärztin meinte sowas wie, dass sie nicht davon ausgeht, dass was passiert ist, weil man wohl ein gewisses Volumen an Blut braucht, damit eine Übertragung stattfindet.
    Mir ist nur nicht klar, warum eingetrocknetes Material nicht ansteckend ist, das ist doch ein Virus, ich meine Viren sind ja keine Lebewesen, … ich muss da nochmal nachlesen. Ich glaube, die Vielzahl an Tests macht mir ein mulmiges Gefühl, in vier Wochen, in sechs, in drei Monaten. Und ich werde mal Kinderbücher zum Thema auftreiben, an Spritzensichtungen werden wir wohl auch in Zukunft nicht vorbeikommen. 😦
    Liebe Grüße und willkommen im Blog!
    Mara

  • aleXXblume sagt:

    Puh! Ich kann dich gut verstehen! In solchen Fällen wälzt man das Internet in allen Richtungen durch und trotz allen Infos will das blöde Angstgefühl im Bauch einfach nicht verschwinden…. Ich drück Euch ganz fest die Daumen, dass er einfahc Glück gehabt hat, schließlich ist die Ansteckungswahrscheinlichkeit ja laut Suklaa sehr sehr gering. Kopf hoch! Wird schon werden!

  • Franziska sagt:

    Mara, ich lese erst seit in paar Tagen Dein Blog, aber wollte Dir trotzdem sagen, wie leid mir das tut. Natürlich denkt man dann gleich an das Schlimmste denkt – aber wie Suklaa schon ausgeführt hat, steht die Wahrscheinlichkeit auf jeden Fall auf Eurer Seite! Tief durchatmen. Und ich würde auf jeden Fall mal rund telefonieren!

  • Suklaa sagt:

    Eben weil ein Virus kein Lebewesen ist, ist es auf einen Wirt angewiesen. Auf dem Trockenen überlebt der nicht lang, der braucht eine geeignete Umgebung.
    Meine Mikrobiologie-Dozentin hat sogar mal komplett ausgeschlossen, dass man sich an in der Botanik rumliegenden Nadeln infizieren kann, sofern die Nadel nicht gerade eben noch verwendet wurde 🙂

  • Frau Muschel sagt:

    😦 Meine Güte, Mara…

    Ich glaube ich würde vor Sorge eingehen, aber das bringts ja auch nicht.

    Suklaa hat es wunderbar geschrieben!!
    Das nimmt einem echt ein wenig die Angst.

    Hier sind alle Daumen und Zehen gedrückt…

    Liebgruß

  • Hallo Mara

    Ich kann deine Sorge zu gut verstehen. Wir haben durch den Beruf meines Mannes dieses Risiko ja ständig im Hinterkopft. Aber es nützt nichts sich verrückt zu machen.

    Vergiss nicht, dass wir alle ständig in potentieller Gefahr sind. Auch Kindergärtner, Ärzte, Kinder und sogar wir Eltern können eine solche Krankheit haben und ohne böse Absicht übertragen. Trotzdem machen wir uns aus gutem Grund nicht ständig Sorgen. Denn sonst könnte man das Leben nicht mehr genießen.

    Man lernt mit der Zeit mit Angst zu leben. Als ich die Allergie Diagnose unserer kleinen Tochter bekam konnte ich nächtelang nicht schlafen, weil ich immer daran denken musste wie unser Kind an einem Allergieschock stirbt. Heute kann ich die Angst ertragen und es hilft mir zu wissen, dass wir alles menschenmögliche machen um diesen Fall zu verhindern.

    Meiner Meinung nach hilft nur Wissen und Aufklärung um das Risiko so klein wie möglich zu halten. Unsere Kinder wissen, warum es nicht ungefährlich ist mit fremden Blut in Kontakt zu kommen und dass sich Papa/Mama nicht ohne Grund Handschuhe anziehen wenn sie ein fremdes Kind verarzten. Natürlich habe ich keine Horrorstorys über schlimme Krankheiten erzählt, aber sie wissen, dass es gefährliche Krankheiten gibt an denen man sterben kann und das dann auch ein Arzt nicht mehr helfen kann.

    Sie wissen auch, dass sie keine Spritzen oder ähnliches anfassen dürfen und bisher haben sie sich zum Glück daran gehalten. Und wie Suklaa schon sagte euer Risiko ist zum Glück statistisch sehr gering. Ich drücke euch alle Daumen und finde es richtig mit der Stadt zu sprechen. Wobei es vermutlich ein Problem ist, dass eher von aufmerksamen Eltern gelöst werden kann. Vielleicht stellt die Stadt ein Warnschild für Eltern und Süchtige auf zusammen mit Müllbehältern für Spritzen. Und ich würde als Eltern gefährdete Spielplätze immer erst einmal gründlich absuchen und im Notfall meiden.

  • mara sagt:

    @alexxblume, danke, die erste Angst hat sich gelegt, ich habe mit den Erzieherinnen gesprochen und gerade noch mit der Stadt telefoniert (Fünf! Personen, denen ich das Problem geschildert habe mit den Wünschen: a Hinweisschilder und b Entsorungsboxen! Die fünfte Person hat sich meine Nummer notiert und wird zurückrufen) und mit der städtischen Tageszeitung, die mich auch zurückrufen wird. Mehr kann ich jetzt auch nicht tun.

    @Franziska: Schön, auf diese Weise von neuen Leserinnen zu erfahren 🙂 , willkommen hier im Blog! Wie oben beschrieben habe ich mal rundtelefoniert und warte nun auf Rückrufen.

    @Suklaa: Ach, ich hatte das verwechselt, die Bakterien sind die Bösen, die sich in Dauerstadien verwandeln können, danke für den Hinweis.

    @Frau Muschel: Danke fürs Finger- und Zehendrücken! (Bisschen unbequem so den ganzen Tag die nächsten drei Monate 😉 )

    @aupairfamilienrw: Die Idee mit den Hinweisschildern und Müllbehältern finde ich klasse! Habe ich gleich der Stadt mitgeteilt und auch der Tageszeitung, die evtl. noch zurückruft. Wenn die Stadt schon Schilder aufstellt, dass man nicht im Rhein baden soll, sollte es doch auch für Spritzen möglich sein. Die Spritzen lagen nicht direkt am Spielplatz, sondern neben einem Gebäude etwa 200 Meter weit entfernt. Wir haben die Kinder einige Minuten nicht gesehen, Melek ist mit seinem Freund dorthin gelaufen… Aufklären über Gefahren wird nachgeholt, bisher ist das unser Erstkontakt mit Spritzen, in unserem Stadtteil habe ich noch keine Hinweise gesehen, wir waren auf einem Spielplatz im Zentrum der Stadt, Nähe Bahnhof. Und du hast natürlich recht, man kann nicht alle Gefahren ausschließen. Ich hoffe für euch mit, dass allergietechnisch kein Notfall bei euch eintritt. Du bist doch sicher professionell geschult, was zu tun ist, oder?

    Liebe Grüße an euch alle,
    Mara

    • Ja wir sind alle geschult, sogar die große Schwester, aber meine größte Angst ist , dass etwas passiert wenn wir nicht dabei sind. Und dann muss ich mich auf den gesunden Menschenverstand von Fremden verlassen.

      Zuhause kann ich alles noch ziemlich gut kontrolieren und das Risiko minimieren, aber ich kann unser Kind ja nicht immer einsperren.

      Und der Kiga oder andere Eltern nehmen die Gefahr leider überhaupt nicht ernst. Ich sage nur Erdnussflips und Co auf fast jeder Feier 😦 Und sie vergessen auch regelmäßig das Notfallset auf Ausflügen. Zum Glück denkt unser Tochter daran die Erzieher zu erinnern und hat ein zweites in der Kigatasche.

      Mein Lieblingspruch: “ Ach ich habe ja auch eine ganz schlimme Allergie gegen Milch, Erdbeeren …. das ist doch nicht so schlimm. Ich habe ja auch häufiger Bauchweh und vielleicht mal Durchfall“ Leider verstehen diese Leute den Unterschied zwischen einem allergischenSchock der leider lebensgefährlich ist und einer (häufig auch noch eingebildeten) Lebensmittelunverträglichkeit nicht. Der Begriff Allergie wird ja häufig für alles mögliche verwendet.

  • Karolin sagt:

    Ich denke an euch. Die Sache mit den Schildern finde ich gut!

  • MiA sagt:

    Oh shit, das lese ich ja jetzt erst! Ich drücke die Daumen… vor so etwas kann einem nur grauen.

    Liebe Grüsse

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