„Mama?“

3. April 2012 § 7 Kommentare

fragt der kleine Riesensohn gestern nach dem Baden. Er steht vor mir auf dem Klodeckel, schnell trockenrubbeln und ab in die frischen Klamotten, „wenn ich als Kind sterbe, dann bist du ganz, ganz, ganz traurig, oder?“

Ich sehe meinen großen Sohn an. Die blauen Augen schauen nachdenklich in die Ferne, die nassen Haare stehen ab wie die Stacheln eines Igels.

„Schatz“, sage ich, „aber holla, klar bin ich dann ganz, ganz, ganz traurig.“

„Besser ist es, wenn ich nicht sterbe, oder Mama?“

„Auf jeden Fall, Häschen.“

„Du willst ja noch sehen, wie ich ein großer Mann werde, oder, Mama?“ Das hatte ich ihm erklärt, als er mich fragte, wann ich sterben würde. Vor nicht einmal einem Jahr, als er darüber nachdachte, dass wir alle sterben werden. Ich weiß noch, wie er weinend in meinen Armen lag, bedröppelt in den Kindergarten ging und vier Wochen lang jeden Tag eine nasse Hose mit nach Hause brachte.

„Und da gibt es doch diese neue Krankheit, ich habe vergessen, wie die heißt… .“

„AIDS?“ frage ich.

„Ja, daran stirbt man, oder?“

„Ja“, sage ich, „daran stirbt man, aber weißt du, auch wenn man das hat, kann man noch ganz, ganz, ganz viele Jahre damit leben. Inzwischen gibt es nämlich auch Medikamente dafür.“

„Tut Sterben weh?“

Kinderwelten sind gar nicht heil.

„Sterben kann auch wehtun“, sage ich, „aber es gibt auch Schmerzmittel. Weißt du, was das ist?“

Der nachdenkliche Junge vor mir schüttelt den Kopf.

„Wenn du Schmerzen hast, dann gebe ich dir ein Zäpfchen und dann geht es dir wieder besser. Oder nicht?“

Empörung.

„Nicht?“ frage ich erstaunt.

„Dann tut mein Po weh.“

„Mmh“, sage ich, „dann besorge ich das nächste Mal ein Schmerzmittel zum Trinken, ok?“

Der Sohn nickt.

„Und außerdem“, sage ich, „hat die Ärztin gesagt, dass sie ü-ber-haupt nicht glaubt, dass du dich angesteckt hast. Gestern habe ich mir nur Sorgen gemacht, weil ich nicht wußte, wie gefährlich diese Spritzen sind, aber jetzt bin ich ziemlich unbesorgt und in ein paar Wochen guckt der Arzt sich dann nochmal dein Blut an, vorsichtshalber.“

Melek schluckt. „Sind wir dann nochmal im Krankenhaus?“

„Nee, dann sind wir bei unserem Kinderarzt“, sage ich.

Und dann machen wir zwei uns einen schönen Abend. Der beste Ehemann der Welt und die Zwillinge sind bereits im Bett, während wir zwei, Mutter und Sohn, Abendbrot essen und dabei die neue CD von Freddy, dem Esel, hören, dann schauen wir noch, eingekuschelt in zwei pinke Plüschdecken, einen Film von Laura´s Stern und dann geht es huckepack ins Bett. Da schläft er neben mir, der kleine Große, und macht sich hoffentlich nicht allzu viele Sorgen.

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§ 7 Antworten auf „Mama?“

  • MiA sagt:

    So was rührt irgendwie zu Tränen….

  • Karolin sagt:

    Ich bin auch ganz gerührt. Meine Große fragt auch immer wieder nach und beschäftigt sich mit dem Thema. Ihr ist es ganz wichtig zu wissen, dass wir immer füreinander da sind. Schön, dass ihr einen so wundervollen Abend verbracht habt.

  • Marc sagt:

    So viel verstehen sie schon; nicht alles können sie in Worte fassen. Über viele wesentliche Sachen mache ich mir auch neue Gedanken, seit ich sie meiner Kleinen erklären muss. Das ist es wohl auch, was mit Eltern passiert.

  • Kleeblatt sagt:

    Gut, wenn man mit Kindern so offen darüber spricht! Viel schlimmer sind diejenigen dran, die von ihren Eltern jahrelang behütet werden und die nasse Hose-Phase dann nicht im Kindergarten durchmachen, sondern eher im Anschluss an die Pubertät und plötzlich gar nicht mehr mit ihrem Leben klar kommen, da der Tod für sie einfach komplett tabu ist. Ich denke, es ist gut und wichtig, dass bereits Kinder diese Erfahrungen machen. Denn auch, wenn es in dem Moment unglaublich schrecklich ist und Eltern geschockt werden, lernen die Kinder in diesen Situationen Elementares. Sie wachsen an diesen Situationen und schaffen es so, ein erfolgreiches Leben zu führen, in dem sie nicht jede Minikrise total aus der Bahn wirft…

    Dennoch ist AIDS-Gefahr im eigenen Körper bestimmt nicht der optimale Auslöser, um den Lernprozess in Gang zu bringen…
    Ich drücke ganz ganz doll die Daumen, dass alles gut bleibt und vor allem die bösen Gedanken bald von schönen Oster- und Frühlingedanken vertrieben werden!

  • Friederike sagt:

    Bei uns war am Sonntag Abend auch noch das Sterben Thema. Mr Son frug, ob ich vor ihm sterbe. Ich: Na hoffentlich! Er: Am besten stirbt gar keiner.
    Große Gedanken in kleinen Köpfen…

  • mara sagt:

    @MiA: Ja, ich fühle mich ihm dann ganz nahe und merke, wie wichtig die Mamas dieser Welt sind.

    @Karolin: Das Füreinanderdasein ist ein Welt, der hier sehr wichtig ist; der einzige Trost in dieser oft kalten Welt. Der Abend hat uns beiden gutgetan, glaube ich.

    @Kleeblatt: Danke dir für deine Anmerkungen und herzlich willkommen als Leserin und Kommentatorin. Ich stimme dir aus vollem Herzen zu, dass Offenheit unglaublich wichtig ist, auch für das Vertrauen zwischen uns – und als Vorbereitung auf das eigenverantwortliche Leben. Gestern sagte er übrigens, er mache sich eigentlich keine Sorgen mehr, „wir waren ja beim Arzt“, das fand ich schön zu hören.

    @Friederike: Gell, da wird es einem immer ganz anders ums Herz.

    Liebe Grüße an alle, Mara.

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