Betreuungsgeld, abstimmen?

30. April 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Man kann grad abstimmen, auf spiegel-online, ob man das Betreuungsgeld gut findet oder nicht. Am liebsten hätte ich dafür gestimmt. Vielleicht ein bisschen aus Trotz. Leider konnte ich nicht dafür stimmen, denn gleichzeitig wäre mir unterstellt worden, alternativ den Kita-Ausbau zu bremsen. So ist das mit den Suggestivfragen 😦 . (Von wegen neutrale Abstimmung)

Denn es gibt eine Sache, die mich ein wenig stört an der ganzen Diskussion um die „Herdprämie“, und das ist die gefühlte Bevormundung von Menschen, von denen die Wortführer (zum Beispiel die FDP) nicht erwarten, dass die Betreuungsgeldbezieher mit diesem Geld umgehen können. Als besonders gruselig empfinde ich den geforderten Ausschluss von Hartz IV Empfängern von diesem potenziellen Betreuungsgeld. Hartz IV Empfänger = Konjunkturantreiber für Saturn und Mediamarkt? (Quelle: Spiegel)

Per se wird ihnen, dem beliebten Feindbild der Medien, unterstellt, das Geld nicht zum Wohl ihres Kindes einzusetzen, sondern ganz im Gegenteil behauptet, das Betreuungsgeld würde es ihnen erschweren, ihren faulen Hintern zu erheben, um endlich zu arbeiten… (ui, jetzt bin ich auch ironisch geworden)

Um arbeiten gehen zu können, braucht es aber wiederum Arbeitsplätze, und wo die nicht vorhanden sind, nützt leider auch kein Kitaplatz.

Dagegen kann man halten, dass Arbeitsplätze sehr wohl existieren, aber Mütter diese Stellen nicht annehmen können, weil die nötige Kinderbetreuung fehlt. Dem stimme ich zu, ähnlich sieht dies übrigens auch Frau Schröder (Quelle: Bundesfamilienministerium mobil ), so dass ich davon ausgehe, dass der Kita-Ausbau (wie von der vorigen Familienministerin angestoßen) weitergeht, d.h. also der Ausbau nicht durch das Betreuungsgeld gestoppt würde.

Nun kann man auch hier kritisch anmerken, dass das Betreuungsgeld es Müttern leichter macht, daheim zu bleiben und sich eben nicht für bessere Kita-Plätze einzusetzen. Doch auch diesen Einwand empfinde ich als bevormundend, denn dann wäre das Betreuungsgeld eine Art Schweigegeld oder Ruhigstellungsgeld und dafür, mit Verlaub, ist es zu wenig.

Im Bekanntenkreis habe ich zwei Familienmodelle gefunden, denen das Betreuungsgeld gelegen käme. Da wäre einmal die siebenköpfige Familie, von denen die Mutter die
Besserverdienende ist, aber aus Überzeugung nur zwei Tage pro Woche arbeiten möchte (obwohl sie ganztags arbeiten könnte). Die Kleinen in der Familie (derzeit zwei) werden in dieser Zeit von der Oma bzw. dem Vater betreut.

In Fällen, in denen ein Elternteil nur stundenweise arbeiten geht, könnte man also mit diesem Geld auch (zumindest zum Teil) eine Kinderbetreuung finanzieren.

Ein weiteres Modell lebt ein Studentenpaar in unserer Bekanntschaft. Der Mann studiert und arbeitet gleichzeitig. Sie will ihrer kleinen Tochter aus Überzeugung nicht der Mutter entziehen (jedenfalls nicht in den ersten Jahren), das Einkommen ist gering, 150 Euro kämen ihnen gelegen.

Ich gehe davon aus, dass der Kita-Ausbau noch einige Zeit beanspruchen wird, und ich hoffe, dass diese benötigte Zeit auch dazu genutzt wird, nicht nur eine größere Quantität zu schaffen, sondern auch die Qualität im Auge zu behalten, sind es doch gerade die ersten drei Lebensjahre, die als besonders prägend angesehen werden, denn ob daheim oder in der Kita, einige grundsätzliche Vorraussetzungen müssen erfüllt sein, damit das Kind kein Schaden nimmt, doch dazu in einem späteren Artikel mehr.

Das Betreuungsgeld kann man aber bereits jetzt schon auszahlen, daher bin ich in diesem Falle dafür, diese Geld in die Kinder zu investieren, auch wenn es sich nur um 150 Euro handelt.

Und nun gehe ich noch auf einen Aspekt des Artikels von Andrea ein:

Es gibt also auf der einen Seite ein begrenztes Angebot, das weder für alle Familien verfügbar, noch bezahlbar ist.

Auf der anderen Seite gibt es 100,-, bzw. 150,- €. Diese Option gibt es immer.

Ist das echte Wahlfreiheit?

Ist es noch Wahlfreiheit, wenn man auf der einen Seite 300,- € zahlen muss, während man auf der anderen Seite 150,- € bekommt? Für die Familien, bei denen das Geld knapper ist, stellt sich die Frage vermutlich nicht.

Nein, das ist keine Wahlfreiheit. Zur Wahlfreiheit gehören Kita-Plätze und genügend Arbeitsplätze, außerdem flexible Arbeitszeitmodelle und kompromissbereite Firmen.

Dann stellt sich die Frage, ob sich Arbeit finanziell noch lohnt. Bei einer geringfügigen Beschäftigung lohnt sich das nicht mehr, im Gegenteil. Da ist es sogar günstiger zu Hause zu bleiben und das Betreuungsgeld zu „wählen“. Aber ist es echte Wahlfreiheit, wenn die eigene Arbeit so wenig wertgeschätzt wird, dass es besser ist, nicht zu arbeiten?

Bei einer geringfügigen Beschäftigung lohnt es sich (in den ersten Lebensjahren) nicht mehr, zumindest finanziell. Aber der Hebel sollte an der anderen Seite ansetzen oder in anderen Worten: Die geringfügige Beschäftigung sollte sich nicht deshalb dennoch lohnen, weil es kein Betreuungsgeld gibt, sondern weil die geringfügige Beschäftigung sich per se lohnen sollte.

(Die logische, aber polemische Frage, die sich dann stellt: Brauchen Frauen, ein Kind bekommen wollen, überhaupt einen Schulabschluss? Eine Berufsausbildung? Ein Studium?)

Auch hier wehre ich mich gegen die absolute Aussage. Nur weil eine Frau drei Jahre oder länger daheim bleibt, ist ihr restliches Berufs-Leben nicht ruiniert. Weil das Gefühl oft trügerisch ist (zumindest wenn man daraus Argumente entwickeln will) und mir die Studien fehlen, schaue ich wiederum in meinen Bekanntenkreis:

Da wäre die Arzthelferin, die mehr als zehn Jahre daheim geblieben ist, aus Überzeugung, und sogar findet, dass Kinder erst mit vier in den Kindergarten gehen sollten. Sie hat, vielleicht ein Wunder, eine Arbeitsstelle gefunden, als Arzthelferin einer Ärztin, die Wiedereinsteigerinnen gesucht hat.

Und auch wenn ich (zwei Studiengänge) nun wirklich daheim bleiben würde (in einem Jahr werde ich mit dem zweiten Studium fertig sein), ich bemerke, welch einen Wissenspool ich an meine und andere Kinder weitergeben kann (Nebenberuf), wie ich gewisse Situationen reflektiere, um die Erziehung zu verbessern.

Als zweites Beispiel erwähne ich Marlena, die ihr Studium unterbrochen hatte, drei Kinder bekommen hat und nun wieder einsteigt.

Und wo wir gerade bei den Studentinnen sind: Ich wünschte mir mehr Normalität für die Familiengründung auch während des Studiums. Dann wäre das Argument der Arbeitsgeber, lieber einen Mann einzustellen, weil dieser nicht durch Mutterschutz und Co ausfällt, hinfällig. Die Kinder wären ja schon da. (Hier schließt sich wiederum der Kreis, denn die Uni-Kindergärten sind, jedenfalls an unserer Uni, noch ausbaufähig.)

Weshalb wird eigentlich das Betreuungsgeld nur an Eltern von Kindern unter drei Jahren bezahlt? Warum nicht darüber? Immerhin leisten die Eltern, die über dreijährige Kinder erziehen, auch einen wichtigen Erziehungsbeitrag zu Hause.

Ein wichtiger Punkt, der auch Befürworter des Betreuungsgeldes stutzig werden lassen sollte. Von ihm geht eine Signalwirkung aus: Lieber keinen Kita-Ausbau (U3), statt dessen…

Was aber unterscheidet diese Erziehungsleistung von der am unter dreijährigen Kind? Weshalb ist der Kindergarten plötzlich ab dem vierten Lebensjahr so wichtig und wertvoll, dass in vielen Orten/Bundesstaaten Kindergärten völlig kostenfrei sind?

Letzendlich wiederum die Kosten, die die Länder versuchen zu sparen, denn nur Kinder, die deutsch sprechen, können erfolgreich die Schule besuchen, einen Abschluss machen und einem Beruf nachgehen, statt Saturn zu beehren.

Solange nicht jedem (mindestens) zwei gleichwertige Optionen offen stehen, besteht keine Entscheidungsfreiheit.

Entscheidungsfreiheit wird nicht durch das Betreuungsgeld geschaffen, sondern durch eine flächendeckende, erschwingliche Versorgung mit guten Betreuungsangeboten.

Und diesem letzten Zitat kann ich nur zustimmen. Doch wo ist die Option „Daheimbleiben“, wenn es „einfacher“ ist, das Kind in die U3-Gruppe zu geben? Irgendwann wird dies so sein.

Ansonsten hat das Thema Betreuungsgeld mir und unseren Besuchern ein reges Wochenende beschert, zu einem Austausch über Familienmodelle geführt und mir einmal wieder vor Augen gehalten, dass das demokratische Tolerieren (vom lateinischen tolerare – erdulden, aushalten, ertragen), wenn es um die Akzeptanz verschiedener Lebensentwürfe geht, kein leichtes Ding ist.

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