Satelitten

4. Juni 2012 § Ein Kommentar

„Jetzt ist mir klar, warum die beiden nicht sprechen wollen, die kreisen wie zwei Satelliten umeinander herum und verstehen sich auch ohne Worte.“ Ich zitiere hier eine der warmherzigsten Mütter, die ich im Kindergarten kennengelernt habe.

„Jo“, denke ich, „so ist es.“

Die große Bruderliebe. Wenn ich die beiden vom Kindergarten abhole, hocken sie meist zusammen. Dann sitzt Maxe auf dem Rücksitz des Kindergartendreirades und sortiert Steine in seinem Eimer, während Sohni den Fahrer mimt. Manchmal sitzt auch Maxe im Fahrersitz und aus der angehängten Gartentonne schaut nur Sohnis Kopf heraus.

Sie unterhalten sich auch. Das klingt interessant, aber ich verstehe sie nicht. Einmal haben sie Kirche gespielt. Glaube ich. Jedenfalls hatte Sohni ein Holzstück in der Hand und sang etwas hinein, das entfernt an ein Halleluja erinnerte. Maxe tanzte begeistert über den Hof.

Sie kichern und lachen, toben und spielen Fangen, sie hauen sich und liegen eng umschlungen auf dem Sofa, sie nehmen sich Spielzeuge weg und sagen bescheid, wenn der andere ein Aua hat, sie lieben sich, und das ist so wahnsinnig schön zu beobachten.

Man soll ja nicht vergleichen, aber ich bin doch immer noch fasziniert davon, wie ausgeprägt unterschiedlich Kinder in diesem Altern sein können. Im gleichen Alter.

Wenn ich den Kindergartenaußenspielplatz betrete, wo die Kinder meistens spielen, wenn ich komme, dann galoppiert Maxe auf mich zu und jeden Tag hoffe ich, dass er in meine Arme fällt. Das tut er nie. Er fällt in meine Handtasche: „Brot?“ Und meistens habe ich ja was dabei. Blöderweise haben das auch die 97 anderen Kinder spitz gekriegt und so werde ich meistens eine ganze Packung Knäckebrot los. Sohni galoppiert auch, aber er springt mit einem wilden Hopser in meine Arme: „Mama!“

Irgendwann dann taucht Melek auf, „kriege ich auch Knägge?“ und marschiert dann wieder ab: „Ich spiele noch mit Alexander/Michael/Flori/Max/Steffen.“

Maxe ist immer noch ein eindeutiger Papa-Junge. „Papa?“ fragt er kummervoll, wenn der ansonsten beste Ehemann der Welt abends erst spät daheim ist. „Papa“, erkläre ich dem Maxe, „Papa kommt wieder. Heute Nacht. Wenn du schläfst.“ Und er antwortet hoffnungsvoll: „Papa?“

Manchmal ist der Kummer so groß, dass ich ihn in Papas Bett lege. Mit Papas Kissen. Am nächsten morgen liegen die beiden Arm in Arm und Maxe sieht aus, als hätte das Glück persönlich vorbeigeschaut.

Sohni fremdelt manchmal mit dem Papa.

„Schatz“, sage ich, „ich gehe heute abend weg. Papa ist jetzt für dich zuständig.“

„Mama!“ ruft Sohni und schlingt beide Arme um meinen Hals.

„Papa guckt heute abend einen Film mit euch, okay? Ich bin nachher wieder da.“

„Mama!“

Es ist ja auch schön, knuddelige Ärmchen am Hals zu spüren.

Nur wenn es kleine und große Auas gibt, dann bin ich die erste Troststation und zwar für beide.

Maxe bleibt ein Wortsparfuchs. Eis zum Beispiel steht stellvertretend für alles Süße, also auch Kuchen. Das führt manchmal zur Verwirrung. Andererseits nennt Sohni alle Vierbeiner Wauwau, egal ob Giraffe, Ziege, Schaf, …

Doch inzwischen benutzt er auch aus eigenem Antrieb Worte.

„No, muchacho!“ sagt er und lächelt verschmitzt, und „Dangge“, zu vielfältigen Anlässen, meistens aber passt es. Morgens beim Frühstück nuschelt sich manchmal ein „Garten“ aus seinem Mund, „Kindergarten, Sohni?“ frage ich, und er nickt. Und ganz oben auf der Liste: „Guckma!“ Zum Beispiel nachts, wenn ich so tue, als schliefe ich. „Guckma!“ piept ein helles Stimmchen zwei Millimeter vor meiner Nase, und ja, ich guck dann doch.

Maxe könnte schon ganz gut auf seinen Schnuller verzichten, Sohni aber liebt den Schnulli. „Nuller?“ fragt er, wenn es abends ins Bett geht, Maxe sagt „Wauwau“ und meint damit Hasi Zwo, der mit etwas gutem Willen auch ein Hund sein könnte. Hasi Eins geht auf alle Fälle auch und dann wäre noch Donata, das dritte Häschen, das inzwischen gruselig grau im Gesicht ist. Heute, Donata, bist du fällig. Den Sofabezug muss ich sowieso heute waschen, denn den hat Sohni gestern mit Honig bekleckert, als er die Brezel mit dem zähen Süß bestreichen wollte. Aber doch nicht auf dem Sofa, Sohni!

Auch die Geschmäcker sind verschieden. Sohni isst Käse, Maxe Marmelade, die Schnittmenge bietet der Ananas-Papaya-Käse, der ein wenig süß schmeckt, den essen beide. Sohni ist ein Floh und Äffchen, ehrlich, eine Minute nicht hingeschaut und schon hängt er auf der obersten Sprosse des Klettergerüstes und kommt sogar alleine wieder hinunter. Maxe schafft nicht einmal die erste Sprosse. Dafür ist er im Laufradfahren große Klasse und vom Schieben inzwischen zum Fahren fortgeschritten. Sohni will auch Laufradfahren, befindet sich aber noch im Geh-Gang.

Und so könnte ich noch viel erzählen. Aber nun ist es Zeit, die Brut zu wecken. Mal sehen, was es heute gibt. Chopin? Das ist doch ein schöner Start in einen sommerlichen Tag.

Advertisements

Tagged:, , ,

§ Eine Antwort auf Satelitten

  • MiA sagt:

    So schön geschrieben *hach* Nur an einer Sache bin ich hängen geblieben: Ihr habt einen sommerlichen Tag? Ich ziehe sofort um =)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Satelitten auf Das zweite Kind sind Zwillinge.

Meta

%d Bloggern gefällt das: