Dame und Zicke

10. September 2012 § 8 Kommentare

Was denken eigentlich Passanten, wenn sie eine Mutter mit zwei kleinen Kindern an der Hand in Richtung Kindergarten gehen sehen, während ca. 20 Meter hinter ihr ein größeres Kind „ICH WILL ABER ZÄHNE PUTZEN!“ brüllt?

Dass die Mutter ihrem Sohn verbietet, Zähne zu putzen?

Dass der Sohn eine Zahnputzmacke hat und sie diese Marotte unterdrücken will?

Dass sich auf der Zahnbürste Schokoladencreme befindet?

Es war ein Tag von vielen aufeinanderfolgenden, an denen ich die Straße zum bzw. vom Kindergarten mit einem oder zwei schreienden Kindern entlang lief und mich irgendwie extrem unmütterlich fühlte. Der kleine Riesensohn spielte Grenzentesten und die Mutter, die nichts von Strafen, aber sehr viel von logischen Konsequenzen hält, setzte diese konsequent durch. Diese Phasen dauern gewöhnlich nur wenige Tage an, dafür sind sie umso härter. Für alle Beteiligten.

Wenn der Sohn also nach mehrmaliger Aufforderung keine Zähne putzen will, geht es halt mal ohne. Von Karius und Baktus halte ich auch wenig, von der Wahrheit aber viel und so hatte ich ihm erklärt, dass die Zähne Löcher kriegen, wenn man sie nicht putzt und dass dann der Zahnarzt bohren muss. Wer will das schon? Daher putzt der kleine Riesensohn im allgemeinen gut und gründlich. Und außerdem schmeckt die Zahnpasta.

Der Höhepunkt dieser Tage wie dieser war dann der Wutanfall Maxes, der weder mit dem Laufrad noch per pedes nach Hause wollte, sondern auf Mutters Kinderfahrradsitz, der aber schon durch meine Schwimmsachen belegt war.

„Maxe“, versuchte ich die Ruhe wieder herzustellen, „da ist heute kein Platz. Willst du lieber mit dem Laufrad fahren oder zu Fuß gehen?“

Wenn ich nur ein Kind dabei gehabt hätte, hätte ich es schreien lassen und abgewartet. Wenn der andere Zwilling aber schon mit Laufrad und Fahrradhelm vorrausgefahren ist, dann ist das wie Dame spielen, wenn man gerade entdeckt hat, dass man in der Zwickmühle sitzt.

Im Zweifelsfall geht die Sicherheit vor. Also Maxe sehr fest an der Hand gepackt, um ihn auf Abstand zu halten (ich mag nicht gehauen werden), und ab nach Hause. Maxe brüllte, als hätte ich ihm beide Beine ausgerissen und kurz vor der Straßenecke zu unserem Haus (vor dem hoffentlich Sohni schon brav wartete) klärte mich eine sehr öko aussehende Dame meines Alters über ihre Weltsicht im allgemeinen und ihre Sicht auf heutige Elternschaft im besonderen auf.

„Jetzt lassen Sie ihn doch los!“ rief sie mir genervt zu, „er blutet ja schon!“

Ein panischer Blick auf Maxes Gesichtchen. Rotz, Popel und Tränen vermischen sich auf seinem Gesichtchen zu einem unappetlichen Brei, von Blut keine Spur. Das Händchen ist rot, aber Blut?

„Es kommt doch grad kein Auto, da können Sie doch lockerlassen!“ ergänzt Zickengesicht und „schrecklich diese Eltern von heute!“ kommt es tief aus ihrem Herzen, bevor sie das Thema wechselt: „Wissen Sie, wo die Bergstraße 24 ist?“

Hallo??

„Na, das kriegen Sie jetzt mal schön selber raus“, fange ich mich allmählich, „furchtbar“ liefert sie ihren Beitrag zum Schlagabtausch, „Ökozicke“ mache ich mir Luft, aber da schiebt sie schon wortlos vondannen.

Fünf Minuten später sitzen Maxe, Sohni und ich vor unserem Haus und lesen Bücher, im sicheren Hof mit abgesperrter Gartenpforte. Und beruhigen unsere Gemüter.

(Für das nächste Mal lerne ich ein paar Beleidigungen auswändig.)

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§ 8 Antworten auf Dame und Zicke

  • frlstreberlin sagt:

    ^^ oh man.
    Gibt nicht viel schlimmeres als Menschen, die sich in die Erziehung Fremder einmischen…

  • Mara sagt:

    naja, wer weiß, vielleicht hätte ich umgekehrt auch das kind bedauert (wobei mir maxe übrigens aufrichtig leid getan hat), aber so allgemeine „heutzutage“-sätze finde ich so oder so ganz furchtbar. (es gibt ja auch wirklich schlimme eltern)

  • Aus der Ferne liest sich das ganz lustig ;). Aber ernsthaft, ich kenne das von meiner Jüngsten (3,5 Jahre), die extremer trotzt als die beiden Älteren es taten. Und da denke ich gar nicht selten, ein Glück, dass die Kleene nicht im Doppelpack gekommen ist. Wie soll frau da anders reagieren, als du es getan hast? Sicherheit geht vor, so ist es. Ich muss die Jüngste auch manchmal davon abhalten, auf die Strasse zu rennen oder nackt das Haus zu verlassen, und mit Worten komme ich in diesen berühmten Trotzphasen nicht weiter. Da ist Festhalten angesagt.

    Die alte Dame, also die Ökozicke, hatte aber wirklich so gar kein Feingefühl. Wenn ich sowas sehe, bei anderen Müttern, sage ich etwas in der Richtung „Ohje, das kenne ich, Gute Nerven wünsche ich!“. Da hat sich noch jede gefreut.

    Herzlichen Gruss, Christine

    • Mara sagt:

      die dame war in meinem alter! das hat mich auch fassungslos gemacht. allerdings habe ich nicht erwähnt, dass die damen von der blumenhandlung, an der wir täglich zweimal vorbeigehen, mich an diesen tagen jedes mal erfolgreich wieder seelisch aufrichten.
      gruss in den süden! mara

  • ana sagt:

    danke für die beleidigungen..ich hab sehr gelacht. welche mutter kennt dies nicht??

  • Mara sagt:

    ja, ich musste auch lachen. vermutlich werde ich mich nie trauen, die beleidigungen anzuwenden, aber es reicht mir schon, sie zu denken. fühle ich mich gleich stärker, so innerlich. vor jahren wäre ich wohl noch tränenüberströmt nach hause gegangen, aber jetzt … es tat einfach gut, die dame zu beleidigen. auch wenn es irgendwie komisch ist, das zuzugeben. liebe grüße, mara 😉

  • freigeist sagt:

    *lach* Wie mans macht ist es falsch. Als mir mal meine müde, trotzphasige Zweijährige auf dem Nachhauseweg vor Wut ins Gesicht geschlagen hat, hat sich auch eine Dame (ungefähr meines Alters) echauffiert (während ich das wütende Bündel an beiden Armen festgehalten habe): „Also wirklich: Wenn die Kinder schon ihre Eltern schlagen…da schlägts dreizehn!“
    Ich war auch so baff, dass mir keine schlagfertige (hihi) Antwort einfiel.
    Mein Mann hingegen erklräte der Dame freundlich: „Ach, wir schlagen dann zuhause zurück, wenn sich niemand einmischen kann.“^^
    Ich glaube, die Dame teilte unsere Art von Humor nicht… 😉

  • Mara sagt:

    Sehr cool dein Mann. Da muss man einfach zurückschlagen!

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