Vorne ohne

11. September 2012 § 4 Kommentare

Schon vor den Kindergartenferien haben wir ihn selten benutzt, in den Ferien sowieso nicht, da waren wir mit Laufrädern unterwegs und wenn alle Stricke reissen, gibt es ja noch die starken Schultern von Muttern oder Vattern.

Auch nach den Ferien habe ich ihn überhaupt noch nicht vermisst und der aufrechte Gang nach Jahren des Schiebens ist rascher als gedacht wieder zur Selbstverständlichkeit geworden, nachdem ich mich bei den seltenen Malen, an denen ich in den letzten drei Jahren ohne Kind und Kinderwagen unterwegs war, eigentümlich nackt gefühlt hatte. Ohne Kinder im Anhang oder Wagen durchlebt man anscheinend auch eine Persönlichkeitsveränderung, denn ansonsten freundlich grüßende Passanten haben mich gar nicht erst wieder erkannt.

Kinderwagen metamorphieren zu einem neuen Körperteil, wenn man sie nur lange genug schiebt, und das Schuckeln wird unausweichlich zu einer automatisierten Handlung wie Atmen oder Blinzeln. Zum ersten Mal habe ich dieses Phänomen bei einem Vater auf  einem lange zurückliegenden Weihnachtsmarkt bemerkt: Er schuckelte geduldig den Kinderwagen hin und her, während Frau und Kinder die bewegten Steifftiere im Kaufhausschaufenster bestaunten. Das Baby befand sich allerdings auf dem Arm der Mutter…

Seitdem habe ich mich auch hin und wieder beim Kinderwagenschuckeln erwischt – ohne Kind natürlich und umgekehrt auch beim Kindersuchen, während besagtes Kind auf meinem Schoß saß.

Aber die Phase ist ja vorbei, philosophierte ich heute morgen, während die Kinder im Hof auf mich warteten, vorbildlich ausgerüstet mit Helm und in Startposition vor der Gartenpforte wie die Rennpferde in ihren Boxen, Ausschlagen inklusive.

„Ich komme gleich“, rufe ich nach draußen, „ich muss nur noch die fehlenden Sachen einpacken!“ Damit suche ich nach Ersatzhosen für die Zwillinge, genauer für die Ersatzkleiderkisten. Maxe hatte seine Hose gestern verdreckt und bei der Gelegenheit habe ich bemerkt, dass auch Sohni keine Ersatzhose mehr im Fach liegen hat. Dann fehlt nur noch die Sporthose für Melek, die hatte ich gestern nicht gefunden, und – mit Blick auf das Wetter – fällt mir ein, dass jetzt wohl die Regenjacken- und Matschhosenzeit begonnen hat. Die Gummistiefel passen aber beim besten Willen nicht mehr in meine Handtasche, also kippe ich die Reiseliteratur aus der großen Tüte und verstaue stattdessen die Stiefelchen darin. Ach, beschriften muss ich die auch noch, naja, das mache ich im Kindergarten, dann muss ich jetzt nicht nach dem Edding suchen. Sohnis Brotdose ist alldieweil im Spielehäuschen verschwunden, das während meiner Kleidersuche in einen Müllcontainer verwandelt wurde. Elisabeth findet schließlich die Brotdose ganz unten unter einem Stapel Förmchen, Gießkannen und Brettern.

Jetzt geht es aber los: Alle Zähne geputzt? Sind ausreichend Rutschersocken anwesend? Haben alle ihre Schuhe an? Na dann. Ich schultere meine zwei prall gefüllten Taschen (ein Buch für die Zwillingsmutter aus dem Kindergarten hat auch noch einen Platz gefunden) und ächze hinter drei radfahrenden Kindern her, die munter den Weg zum Kindergarten einschlagen. „Aber morgen“, nehme ich mir vor, weil die Taschenriemen in meine Schulter einschneiden, „da nehme ich vielleicht doch lieber den Kinderwagen.“

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§ 4 Antworten auf Vorne ohne

  • tine sagt:

    Klasse, jetzt hast du die Wahl. Theoretisch.
    Ich bin noch „mit“ unterwegs, und ich habe sogar mal nen Wäschständer geschuckelt.
    Na? Getoppt?
    Und vielen Dank für das Buch für die Zwillingsmutter aus dem Kindergarten. 🙂

  • Monique sagt:

    Ach weißt du, das Kinderwagen-Schuckeln hört eigentlich nie auf. Ich hab bspw. mal im Supermarkt versucht, eine Wasserkiste im Einkaufswagen in den Schlaf zu wiegen. Öhm ja…

  • Mara sagt:

    ich habe mich gekugelt, wunderbar! dann bin ich ja nicht die einzig verrückte 😉 .

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