U7a-Party

18. September 2012 § 15 Kommentare

Eine U7a-Party entsteht, wenn Maxe und Sohni, den Ernst der medizinischen Vorsorge ignorierend, die Kinderarztpraxis für den Quatsch-Comedy-Club halten die befremdliche Meinung entwickeln, das Praxisteam sei für die allgemeine Kinderbespaßung zuständig.

„Na, was ist das?“ fragt die neue Auszubildende Sohni bei der U7a. Sohni hat eine Piratenklappe über dem rechten Auge (die ich festhalte, weil er sonst schummelt) und stiert auf die Sehtest-Tafel wie ein Maulwurf ins Sonnenlicht.

„Hihi“, kichert Maxe und sagt: „Ball!“

Beide lachen gackernd.

„Na, komm schon, Sohni“, sagt die blonde junge Frau, „was ist das?“

„Schatz“, insistiere ich, „ist das ein Hund?“ Manchmal hilft ja Provokation.

„JAA!“ grinst Sohni und zieht an der Piratenklappe. Ich ziehe zurück.

„Wauwau!“ gibt Maxe fröhlich zum besten, und Sohni lacht sich schlapp. Witze eines Dreijährigen.

„Gummibärchen!“ fällt mir ein, „haben Sie welche?“

Die freundliche, inzwischen etwas entmutigt wirkende Frau ergreift den Strohhalm: „Wenn ihr jetzt mitmacht, dann gibt es für jeden einen Stempel und ein Gummibärchen. Wollt ihr?“

„JAAAA!“ rufen die Zwillinge begeistert.

„Und: Was ist das?“ Sie deutet auf das Symbol „Tisch“.

Sohni windet sich kokett: „Tüsch!“

„Sehr gut!“ atmet die angehende Arzthelferin auf und zeigt auf das Symbol eine Reihe tiefer: „Und das?“

„Äh???“ sagt Sohni und beisst sabbernd in das schwarze Gummiband.

„Haha, Ball!“ prustet Maxe.

„Ja, sage mal“, denke ich, „haben die einen im Tee?“

Wir brechen den Sehtest ab. Nach nur einem viertel Auge! Und bekommen eine Überweisung zum Augenarzt, „auffälliger Sehtest“ steht da drauf, damit wir dort nix zahlen müssen. Sollen die sich doch mit den Kerlen herumärgern. Blöderweise muss ich da aber auch mit.

Weitere Überweisungen folgen: HNO für Maxe, der erste Schritt zur Feststellung, ob das Kind eine logopädische Behandlung benötigt, danach müssen wir noch zum pädaudiologischen Irgendwas, wo sein Sprachvermögen gestestet wird. Bis wir die Bestätigung dafür haben, dass er Logopädie benötigt, beherrscht er bestimmt schon die zweite Fremdsprache.

Beide erhalten noch eine Überweisung zum Kinderchirurgen, den ich schon kenne, da Melek an einem Wasserbruch operiert werden wird. Maxe hat wohl auch einen Wasserbruch, und falls auch er operiert werden muss, müssen wir noch entscheiden, ob dies stationär geschehen muss. Melek können wir nämlich direkt wieder mit nach Hause nehmen, aber Maxe ist ein ehemaliges Frühchen, und da sind alle Ärzte vorsichtiger.

Melek freut sich übrigens auf das „Einschlafen“, obwohl ich ihm nicht verschwiegen habe, dass er Schmerzen haben wird, die wir aber mit Schmerzsaft bekämpfen können. „Ich darf danach den ganzen Tag fernsehen!“ erzählt er stolz jedem, der es hören will, „und die Zwillinge nicht!“

Na, denn, wenn es hilft, habe ich nix gegen einen oder zwei Tage exessiven Konsums von Petterson und Findus, solange nicht Trotro auf dem Plan steht. Dann nämlich streike ich.

Sohni muss auch zum Kinderchirurgen wegen „einer undefinierbaren Struktur in der Unterlippe“. Ich hätte ja auf Gerstenkorn getippt, aber „undefinierbare Struktur“ klingt natürlich um Längen geheimnisvoller.

Messen und Wiegen klappt im Folgenden ganz gut, auch wenn wir Sohnis Beinchen mit Gewalt an die Wand stellen müssen. Er grinst sich nämlich einen und schummelt sich millimeterweise wieder von der Fußleiste weg, als er durchschaut, was wir von ihm erwarten. Maxe hat Angst beim Messen und umarmt meinen Kopf, während die Arzthelferin diesen gerade stellt.

100 Zentimeter misst der große Zwilling, Sohni schafft 98, wiegt aber ein Kilo weniger, nämlich 14einhalb.

Schweißgebadet versuche ich noch in Presslufthammerlautstärke mit dem Kinderarzt über eine Verschreibung von psychomotorischem Turnen zu reden, während Sohni singend auf der Untersuchungsliege herumhopst und die Zungenstäbchen in die Luft wirft. Hurra! Das Otoskop kann ich gerade noch retten und auch die Taschenlampe, die Maxe gegen die andere Liege schleudert. Der Kugelschreiber war glücklicherweise im Nichtinbetriebmodus, ansonsten hätte er sich künstlerisch auf der Kunstlederuntersuchungsliege verewigt.

Dann wird Maxe noch schnell geimpft. Beim Einfangen hilft netterweise der Kinderarzt, weil der Patient sich in einen Hund verwandelt hat und unter der Liege hindurchgekrabbelt ist. Er packt ihn an den Oberarmen, bevor ich ihm – schon auf allen Vieren – hinterherkrabbeln will.  Kaum wieder in die Freiheit entlassen rennt er mit seinem Bruder um die Wette, immer hin und her im Untersuchungsraum und kreischt den Ruf eines alkoholisierten Geiers.

Fix und fertig versuche ich die Zwillinge mit einem Bilderbuch hinzuhalten, während wir noch auf die Unterschrift auf die Augenarzt-Überweisungsscheine warten. Der Arzt ist schon längst in das nächste Behandlungszimmer geflohen…

Was bleibt sind zwei partymüde Brüder, die ich im Kindergarten abliefere, und eine ebenfalls partymüde Mutter, die sich zwei Stunden Mittagspause gönnt. Und die Kinder an diesem Tag erst in allerletzter Minute vom Kindergarten abholt.

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§ 15 Antworten auf U7a-Party

  • vierachtel sagt:

    Mein aufrichtiges Mitgefühl. Nicht nur zu dem turbulenten Arztbesuch (der steht hier in 2 Wochen an), sondern auch zu dem Anschlussgerenne. Wie soll man da irgendwas anderes als die Kinder und deren Wehwehchen auf die Reihe kriegen. Von den eigenen ganz zu schweigen…

    • Mara sagt:

      Und ich hatte gedacht, es ginge wieder zusammen, die U, da können sich die beiden gegenseitig beruhigen… ich Trottel.

      Gefragt habe ich mich heute auch, wie das Vollzeit arbeitende Mütter hinkriegen … da fällt mir, ich müsste mal zum Zahnarzt …

      • MiA sagt:

        Du meinst allgemein Vollzeit arbeitende Mütter? Oder die, die Zwillinge haben? Wir müssen auch noch zur U7a… ich freue mich nicht, denn wir werden auch ne Überweisung zum Chirurgen bekommen… Beschneidung heißt das Zauberwort. Wann ich das mache? Keine Ahnung… die Überstunden müssen dran glauben. Ick freu mir und Zahnarzt.. muss ich und der Kleine auch. Jeah.

      • Mara sagt:

        aus religiösen gründen? 😉

        genauer gesagt bewundere ich alle mütter und die, die arbeiten, bewundere ich wie ein weltwunder.

  • Monique sagt:

    Oha, aufgeweckte bürschchen, deine beiden! Zum glück haben wir tiefenentspannte kinderärzte… Aber sag mal, die zwei sind recht groß, kann das sein? Oder ist meine vierjährige mit ihren 98cm verteilt auf knapp 14kg etwas kurz geraten?

    • Mara sagt:

      hinten im u-heftchen gibt es so tabellen, da kannst du nachschauen. insgesamt ist die bandbreite schon recht groß. die zwillinge sind bestimmt groß für ihr alter, ihr vater misst nämlich mehr als zwei meter. schon bei der geburt waren sie riesig (wohl ein grund für die frühgeburt), der pfleger hatte erzählt, dass zwillinge in der 30. woche ca. 1400 gr wiegen. unsere wogen aber schon fast zwei kilo. liebe grüße, auch an die „kleine“ 😉 , mara

      • Monique sagt:

        Naja, unser Kinderarzt grinst mich ja auch immer an, wenn ich mit ihr bei ihm bin. Seine Standart-Antwort ist jedesmal: „Woher solls auch kommen, bei der Mutter?“ Ich solle doch mal bitte in den Spiegel schauen… Recht hat er, mit 1,60m kann man halt keine großen Töchter 😉 Und bei einer Startgröße von 48cm auf 2800g kann man wohl nicht mehr erwarten.
        Aber täusch dich nicht, die Lütte setzt sich problemlos gegen eine Horde achtjährige Jungs durch und jagt sie durch den Garten.

  • Viv sagt:

    Ich habe mich wirklich sehr amüsiert, grandiose Schilderung der U7a – auch wenn deine Nerven sicher nicht so amüsiert gewesen sind ^^ ist diese Untersuchung eigentlich Pflicht? Ich hab davon noch nie was gehört. bei uns steht erst in einem Jahr die U8 als nächstes…

  • Andrea sagt:

    Da habt ihr ein ganz ordentliches Programm aufgebrummt bekommen!
    Hoffentlich feiern die beiden bei den nächsten Arztbesuchen nicht mehr ganz so wild.
    „kreischt den Ruf eines alkoholisierten Geiers“ … das hätte ich zu gern gehört ;-).

  • Steffi sagt:

    auch wir wurden zur U7a schriftlich aufgefordert. bei der großen gabs das noch nicht.
    pepe war allerdings schnell mit durch…da wir leider eh in behandlung sind…
    ach neee, zum kardiologen mussten wir noch, extra nach lübeck. trotz vollzeit ;(
    fand dich über brigitte und les hier sehr gern jetzt quer beet…

    glg
    steffi
    (die 19uhr zur schulkonferenz muss, gerade bolognese auf wunsch der kinder zaubert, gleich noch schnell was bei ebax reinstellt und wenn sie dann um 21uhr – hoffentlich- heim kommt, 30min ruhe a.d.couch geniesst)
    *g*

  • Mara sagt:

    hallo, liebe frau vollzeit,
    gibt es denn bei solchen terminen keine extra-freitage, frage ich mich da. oder muss man da urlaub nehmen?
    ich hoffe, du hattest dann tatsächlich noch die halbe stunde sofazeit.
    liebe grüße,
    mara

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