Kindergartenmuddis kennen keine Scham

30. September 2012 § 14 Kommentare

Ich bin prüde. Oder so. Sagt ein ab nun entfernter Bekannter. Ich mag mich nämlich nicht fesseln lassen. Bei ihm gehöre dies zum Repertoire.

Ich gestehe, ich bin ein Kuschler. Keine Fesslerine.

Aber eigentlich wollte ich anders beginnen.

Aufgewachsen in einer Familie, in der sich Teile davon beim Anblick von Wasser reflexartig die Kleider vom Leib reissen, hat sich mein Schamgefühl gut entwickeln können. Mein einziger Saunabesuch im Alter von 36 Jahren dauerte 23 Sekunden, mein Besuch im saunaeigenen Schwimmbecken dagegen 254 Minuten. Ich traute mich nicht mehr raus.

Und bis ich Mutter wurde, habe ich vom Liebesleben meiner Mitfrauen quasi nichts mitbekommen, also jedenfalls keine außer den handelsüblichen Details. Offensichtlich schafft aber die Zugehörigkeit zum Mutterclub eine Basis, die das übliche Geplänkel überspringt und gleich zur Sache kommt.

Die ersten Von-Mutter-zu-Mutter-Gespräche über das, worüber sich Autos, Bier und Geschirrspüler verkaufen lassen, gerieten noch eher harmlos.

„Na, wenigstens haben wir ein aufregendes nächtliches Liebesleben“, knurrte eine Mitmutter auf dem Spielplatz und solange das ironisch gemeint war, konnte ich gut mitreden.

Inzwischen haben sich die Themen brisanter entwickelt.

„Ich hatte noch nie so coolen Es Eh Ix!“ schwärmte eine andere Mitmutter auf dem sonnenbeschienenen Spielplatz von ihrem letzten Liebhaber, „hast du schon mal was von weib/icher Ejaku/ation gehört?“

Kinder spielen stundenlang in 100 Meter Entfernung , solange ihre Mütter sich auf der Spielplatzparkbank langweilen und Däumchen drehen, ein interessantes Gespräch erzeugt jedoch eine ähnliche Wirkung wie das Knistern von Schokoladenpapier.

Kaum hatte ich „Echt? Erzähl!“ geflüstert, waren wir von142 Kindern umringt.

Ein anderes heißes Thema ist die Enthaarung der Region zwischen den beiden großen Zehen. Aha. In unserer Kinderturnvereintruppe gibt es also ein paar Heiß.wachsfreaks.

Und nun sind wir bei den Fess/ungskünstlern angekommen. Eine weitere Mitmutter liest zzt. mit großer Leidenschaft „Geheime Leidenschaft“ und hat mir den Inhalt knapp skizziert. Milliardär sucht, äh, die Nähe einer Studentin, und diese kommt nicht mehr von ihm los,  also psychisch, meine ich, und besagter Milliardär hat da wohl gewisse Vorlieben.

„Sowas liest du??“ frage ich die harmlos aussehende Frau auf der Spielplatzparkbank neben mir. Unsere Kinder spielen derzeit brav im Sand.

„Klar, ist doch für Muddis.“

„Für Muddis??“

„Na, die Autorin hat doch selbst zwei Kinder.“ Ob es da wohl einen kausalen Zusammenhang gibt?

Während die Kollegin ihren streitenden Kindern hinterher jagt, nutze ich die Gelegenheit, um zweihundert Seiten vorzublättern, und hoffe, auf anrüchiges Material zu stoßen, finde aber nur das übliche. Mann, Frau, Vor- und Hauptspiel, Kapitelende und letzendlich scheint mir das Thema doch ein wenig ausgereizt.

Und der Bekannte, dem ich besagte Begebenheit am Telefon mitteilte? Der wollte mich bestimmt nur schockieren. Ich werd mal seine Frau fragen. So von Mutter zu Mutter.

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§ 14 Antworten auf Kindergartenmuddis kennen keine Scham

  • MIA sagt:

    Ürks..
    „Fifty Shades of Grey“, richtig?? Ich lese das gerade auf Englisch. Eine Freundin meinte, dass das tootal gut wäre. Ich weiß ja nicht.. tendiere eher zu „Twilight“ in noch schlechter. Meine beste Freundin lacht nur über das Buch, so wie fast alle, die es bei Amazon beschrieben haben. Wenn man dann noch weiß, dass die Autorin eigentlich Fanfiction zu „Twilight“ geschrieben hat… aaaaaaah…. Es ist definitiv nichts besonderes und die Offenheit mancher Leute? Wow – um es mit den eindringlichen Worten der „Fifty Shades of Grey“ Autorin zu sagen.

  • Mara sagt:

    Uuund gibt es brisantere Szenen? Ich hatte nur Zeit, um eine zu lesen…

    • MIA sagt:

      Ich habe leider erst angefangen… die haben noch nichts miteinander 😉 Meine Freundin sagt aber, dass es so ist, wie du auch geschrieben hast, das Übliche und nichts wirklich aussergewöhnliches. Ich halte dich aber gerne auf dem Laufenden 😉

  • vierachtel sagt:

    Mit der Sauna entgeht dir allerdings eine Menge. Ich empfehle Frauensauna.
    Und der Rest: och joo 😉

  • Mara sagt:

    Heißwachs und fesselnde Spiele?

  • Nina sagt:

    Prinzipiell finde ich es gut, wenn man offen über Sex reden kann und auch mit seinem Körper offen umgehen kann. Natürlich in einem Rahmen der auch für Mitmenschen passt *g*

    Aber gerade bei der Damenwelt, finde ich es immer wieder überraschend, wieviele da ihre Wünsche nicht äußern, nichtmal einem langjährigen Partner gegenüber. Das ist eigentlich traurig, denn man beschneidet sich ja irgendwie in seiner eigenen Sexualität und läuft in Gefahr wirklich verdammt tolle Dinge zu versäumen…

    • Mara sagt:

      Ich gebe dir vollkommen recht, Halt alles an seinem Platz. Spielplatz ist einfach ein ungewöhnlicher Ort für intime Details. Andererseits bleibt frau ja fast schon nichts anderes übrig als sich dort auszutauschen.

  • Elisabeth sagt:

    Was für ein toller Post! Ich musste sooo lachen, und … ich bin noch nichtmal 23 Sekunden in einer Sauna gewesen … Du kannst Dir denken warum.
    liebe Grüsse
    Elisabeth

    • Mara sagt:

      In meinem fortgeschrittenen Alter bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass die Schamgrenzen halt sehr individuell gelagert sind. In der Sauna ist es mir aber auch – fremde Menschen hin oder her – zu heiß. Ich mag das einfach nicht. Heute habe ich aber sehr entspannt auf unserer Dachterrasse in der Sonne gelegen und mir noch ein bisschen Herbstsonne eingefangen, das genieße ich zum Beispiel sehr.

  • Andrea sagt:

    Das Buch verkauft sich wie geschnittenes Brot. Irgendwo habe ich gelesen, dass es Lieferengpässe bei Peitschen und Handschellen gibt, was wohl mit diesem und weiteren ähnlichen Büchern zusammenhängen soll.
    Ich bin ja prinzipiell auch für Offenheit, aber bitte nur dem gegenüber, den es tatsächlich betrifft (also auch körperlich), und das ist normalerweise nicht die andere Muddi auf der Spielplatzbank.

  • ana sagt:

    ich habe die ersten zwei teile von shades of grey gelesen. das zweite buch hat mich aufgeregt, da menschen, die bdsm praktizieren als krank dargestellt werden u. mit den üblichen rtl2 plakativen vorurteilen behaftet. schade…

    sonst ist es für das prüde amerika geanu richtig.

    ana

  • „Milliardär sucht, äh, die Nähe einer Studentin, und diese kommt nicht mehr von ihm los, also psychisch, meine ich,“ wunderbar! :’D

  • Mara sagt:

    na, endlich rafft mal jemand den witz 😉
    und gute besserung dir! auf dass du die nächsten zwei wochen wirlich ruhe hast! ganz liebe grüße, mara

  • […] immer wieder erfrischend, z.b. wenn es beim Zähneputzen hoch her geht oder wenn sie sich über das fehlende Schamgefühl von Kindergartenmuddis […]

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