Fast vierzig. Fazit und Zipperlein.

19. November 2012 § 17 Kommentare

Fast 40 ist ein sehr symphathisches Alter.

Vielleicht liegt es auch an den drei Kindern. Ich bin ja sowas von abgeklärt.

Das fing mit der ersten Schwangerschaft an. Bevor ich den malvenfarbenen Strich im Teststäbchen bestaunen konnte, hatte  ich Angst vor Prof. Ochs. Wie sollte ich bei seinen Ansprüchen jemals das Protokoll fertig schreiben?

Ab dem malvenfarbenen Strich tippte ich fröhlich meine unkonventionellen Ideen über die molekularen Verwandtschaftsbeziehungen der Campanulaceae in meinen Laptop. Wird schon. Was draus geworden ist? Keine Ahnung. Unter Drohungen rückte Prof. Ochs den Schein heraus; wie er meine Ideen fand, weiß ich bis heute nicht. Ich glaube, er hat sie nie gelesen.

Lotterleben sticht Pädagogik.

Mit den Zwillingen wurde es noch besser. Und das bezieht sich nicht nur auf den deutlich energischeren Umgang mit meinen Mitmenschen. Vermutlich liegt das daran, dass frau die pädagogischen Ansprüche rapide herunterschraubt, sobald ein zweites und ein drittes Kind auftauchen. Da geht es dann vielmehr ums (Über-)Leben.

Männer dagegen müssen die pädagogische Messlatte gar nicht herabsetzen. Die hängt schon tief, wie der gestrige Sonntag bewies, als Vater Solanum den Sonntag mit der Mehrheit unseres Nachwuchses im Indoorland verweilte und Pommes („Das sind doch Kartoffeln!“) und Eis („Milch, oder was?“) an die Kinder verfütterte.

Zeit für unerledigte Wünsche.

Mit fast 40 ist die Lebensmitte wenn schon (möglicherweise) nicht überschritten so doch in unfassbare Nähe gerückt.

Das gibt auch Freiheit!

Ich wollte meine Haare schon immer einmal grün färben! Wenn nicht jetzt, wann dann? Mit fast 80 kann ich die Flasche vermutlich nicht mehr lange genug über den Kopf halten und kriege Ärger von frechen Altenpflegern, die hinter mir die Farbspritzer vom Fußboden schaben müssen. (Ich poste, wenn es soweit ist.)

Andere Vorbereitungen beziehen sich auf meinen Besitz.

Ich verschenke.

Bücher, die ich, seitdem ich sie besitze, noch nie gelesen habe. Kleidung, die ich voll falscher Hoffnung gekauft habe. Es mag ja sein, dass ich im Alter noch einmal gehörig abspecke, ich bin mir aber sicher, dass ich dann nicht mehr die akrobatischen Bewegungen vollbringen kann, die nötig sind, um mich in das samtbraune Mittelalterkleid zu quetschen.

Zipperlein.

Aktuell sehe ich vor allem einen Nachteil des Alters. Meinen Körper. Und damit meine ich nicht meine von Schwangerschaftsstreifen verzierte runzelige Bauchhaut oder die Bartstoppeln. Nein, es ist das rostige Gefühl, das sich breit macht, wenn ich mich schwungvoll vom Sofa erheben will, mit der Betonung auf will. Oder die knirschenden Knie, wenn ich morgens die Treppen hinabsteige, eine bettelnde Kinderhand in meiner.

„Nein“, wehre ich mich energisch, „du darfst nicht auf meinem Rücken reiten.“

Abendlich schaffe ich auch keine Schwertransporte mehr. Dafür sind die Kinder inzwischen zu lang. Mit Sohnis Beinen scrolle ich die Tapeten im Flur entlang, wenn ich ihn zwei Stockwerke hoch in sein Bett trage. Trotz seiner knallroten Ohren – die ein untrügliches Zeichen für ganz große Müdigkeit sind – hatte ich es gestern irgendwie verpeilt, ihn rechtzeitig auf seinen eigenen zwei Beinen ins Lummerland zu schicken.

Die Ursache der heutigen Rückenschmerzen habe ich noch nicht herausgefunden. Vielleicht liegt es am Sofa, das ich heute nacht aufsuchte, weil der Schnarchbär in unserem Schlafzimmer wütet. Oder daran, dass ich frierend meine kuschelige Decke vermisste, die ich mich nicht traute zu holen, weil die Zwillinge, als ich nachsah, in Vaters Armen lagen. Maxe tief schlafend und im Schlafe friedlich wie Buddha nach drei Stunden Meditation, Sohni mit blinkenden hellwachen Augen. Dann lieber doch nur mit der dünnen Decke.

Möglicherweise stammen die Rückenwehwehchen auch vom gestrigen Bodensäubern. Kaugummiflatschen kann man nur auf allen Vieren und unter massiven Körpereinsatz entfernen. Die Herkunft der anderen Flecken will ich lieber gar nicht wissen.

Fazit des Alterns.

Gott hat die Kinder süß gemacht, um all die schmerzhaften Begleiterscheinungen des Mutterseins im besonderen und des Alterns im allgemeinen wieder gut zu machen. Und die 40, damit ich noch Zeit habe, die Dinge zu tun, bei denen mein Herz sehnsüchtig seufzt. Eine Ausbildung zur Märchenerzählerin zum Beispiel. Oder grüne Haare.

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§ 17 Antworten auf Fast vierzig. Fazit und Zipperlein.

  • Ich habe die 40 schon überschritten und kann nicht wirklich sagen, dass es supertolle, wunderbar und grandios ist, aber einen Vorteil hat es noch: Es ist mir ja sowas von Wurscht, was andere Leute über mich denken…HERRLICH!!!

    • Mara sagt:

      Na, das ist doch schonmal supertoll! Vielleicht liegt es auch nicht (nur) am Alter, sondern auch daran, dass man sich als Mutter die Meinung anderer zwangsläufig abschminken muss. Sonst wird man ja depressiv. Liebe Grüße nach Dubai! Uuuund? Läuft der Buchverkauf?

  • Papagena sagt:

    Du sprichst mir aus der Seele!
    Mein 40iger ist in 3 Monaten fällig, und ich ertappe mich auch hin und wieder dabei,
    Rücklick, bzw. Bestandsaufnahme zu machen…

    Herzliche Grüße,
    Papagena

    • Mara sagt:

      Ich finde das gut, das jetzt zu tun, bevor man so alt ist, dass man es nicht mehr tun mag. Ich versuche daran zu denken, dass ich zu den wenigen Menschen gehöre, die relativ gute Chancen haben, alt zu werden. Mit 40 sind viele Afrikaner schon tot. Mit 35 waren viele Menschen vor 100 Jahren schon sehr, sehr alt. Es ist wie ein geschenktes zweites Leben.

  • aleXXblume sagt:

    Hier auch schon locker an der 40 vorbei, bewege mich langsam aber sicher auf „Mitte 40“ zu… Und, ja, SchwieMu inc., frau wird definitiv noch lockerer und das Gerede der anderen flutscht an einem ab, wie eine Kinderhand an nem Stück Kernseife… 🙂 Diese neu gewonnene Gelassenheit tut gut, auch wenn sie die Wehwehchen (leider werden es irgendwie immer mehr…) nicht ausmerzen kann. Aber ich hoffe ja immer noch auf ein zweites Aufblühen meines kindergeprüften Körpers, wenn sie mal etwas größer sind und mir die Zeit dazu lassen, mich wieder mehr und liebevoller um sein Wohlergehen zu kümmern….

    • Mara sagt:

      Wenn mir alles wehtut, mache ich Pilates mit Jutjube. Pilates ist echt cool. Es fühlt sich an wie Entspannung, macht aber Muskelkater wie zwei Stunden Fitnessstudio. P.S. Ich überlege, wie es wäre, wenn ich noch lockerer werde. Wäre ganz cool. Ich glaube, davon würden wir alle profitieren. Liebe Grüße, auch an deinen Körper, Mara.

  • Viv sagt:

    Ein ganz besonders schöner Post – i like!

    • Mara sagt:

      Und dabei bist du noch so jung…

      • Vivi sagt:

        Ja, aber erstens habe ich einen Mann zu Hause, der stark auf die 35 zugeht (bei Männern ist alles viel schlimmer, sogar das Altern!) und zweitens ist es ein – wie ich mir vorstelle – durchaus realistischer Blick auf das Leben, wenn meine Tochter 18 ist (uaaaaahhhh) und ich 40 🙂 Ich färbe dann vielleicht nicht meine Haare grün. Aber ich werde (naja, nicht zum ersten, aber zum zweiten Mal in meinem Leben) in die Disco gehen, falls mein Kind mich mitnehmen sollte ^^

  • Mamachaos sagt:

    Oh ich habe mich noch nie so auf die 40 oder das Älterwerden gefreut. Mehr Gelassenheit wünsche ich mir schon seit Jahren und nehme ich mir regelmässig für das neue Jahr vor. 😉

  • Simone sagt:

    Kleiner Tip gegen Kaugummi auf harten Böden (also keine Teppiche): Kältespray aus der Apotheke. Damit das Kaugummi vereisen und es geht ganz leicht ab.
    Ob das auch bei Wachsflecken hilft, wollte ich immer noch mal testen.

    • Mara sagt:

      Klingt gut. Hilft das auch bei klebriger Bonbonmasse mit Flusen-Krümel-Staub-Masse? Ich glaube, das war gar kein Kaugummi, so im Nachhinein … Iiiiieh.

      • Simone sagt:

        Ich würde es einfach mal probieren. Sollte bei allem klappen, das bei Kälte hart wird und dann mit einer Art Schaber vom Untergrund gelöst werden kann.

  • Als ich mit Kind wieder angefangen habe zu arbeiten, brauchte ich ein Auto. Eigentlich sollte es ein Vernunftkauf werden, aber dann stand da dieses süße Cabrio. Und ein Cabrio wollte ich schon immer haben.
    Ich bin schon gespannt auf deine grünen Haare ;-).

    • Mara sagt:

      Hehe, danke für die Teilhabe an deinem kleinen Geheimnis … Wenn nicht jetzt, dann nie. Ich weiß noch nicht, wo ich die Farbe herbekomme. Ich fürchte, sowas gibt es nur im Tattoo-Laden. Da traue ich mich (noch nicht) rein.

      • Meine Friseurin hatte mal Dunkelgrün auf ihrer Farbtafel und Ditte hätte am liebsten die lila Clip-in-Strähnen für 7,- €. Gibt es alles in unserem Friseursalon auf dem Land ;-).
        Bestimmt kannst du grüne Haarfarbe auch über Internet zu bestellen.

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