Weihnachten macht kurze Beine

6. Dezember 2012 § 14 Kommentare

Immer ehrlich?

Zunächst will ich vorrausschicken, dass ich meine Kinder weder bei kleinen noch bei groben Verstößen gegen die guten Sitten belüge.

Ich gestehe reuevoll, wenn ich mich an Meleks Schokoladenvorräten vergriffen habe (was er mir meist großzügig verzeiht, zumal wir sofort in den nächsten Supermarkt eilen, um Ersatz zu beschaffen), gebe zerknirscht zu, wenn ich Erziehungsfehler begangen habe und beantworte ehrlich alle Fragen zum Thema Babysmachen.

Spätestens zu Weihnachten stelle ich aber fest, dass das Kind belogen werden will. Als christlich ambitionierte Mutter hatte ich ursprünglich fest beschlossen, meinen Kindern niemals Märchen wie das vom Weihnachtsmann als echt zu verkaufen und habe die Existenz des Weihnachtsmannes stets verleugnet, bis die Angst des Kindes, kein Weihnachtsgeschenk zu bekommen, weil die Mutter so vernagelt ist, einfach zu groß wurde.

Anderes Beispiel: Der Nikolaus.

„Nein“, antwortete ich noch ehrlich, als das Gespräch das erste Mal auf den guten Mann zu sprechen kam, „den Nikolaus gibt es nicht, wir gedenken an diesem Tag dem guten Bischof von Myra, der gerne Kinder beschenkte.“*

Pah, früher. Heute dichte ich dem Nikolaus schon einen Esel an, dem wir noch eine Möhre auf den Teller legen könnten, so weit reicht der Einfluss des Kindergartens, in dem es übrigens heute Lindt-Weihnachtsmännchen gibt. Die Erzieherin hat sie mir gestern gezeigt, bevor sie sich in der Kammer einschloss, um heimlich die Socken zu füllen.

Weihnachten, das Fest der Liebe und Familie, des Glaubens und der Hoffnung transformiert mich jedes Jahr in eine gewissenlose Lügnerin.

In diesem Jahr hängt die moralische Latte noch tiefer.

„Mama?“ der kleine Riesensohn steht vor dem Adventskalender und befühlt die Beutelchen, die allesamt, bis auf den von heute, leer sind. Ich habe das noch nie geschafft, das Ding rechtzeitig fertig zu kriegen. Seit fünf Jahren nicht.

„Wieso sind die Beutelchen alle leer?“

„Die sind nicht leer“, schwindle ich spontan, während ich den blauschimmernden Himmel über die Leuchterkette ziehe, was auf einer Leiter von zwei Metern Höhe ein klitzekleinwenig Konzentration erfordert.

„Da ist aber nix drin“, wird von unten vermeldet.

„Sieht es so gudaus?“ lenke ich ab, eine Stecknadel zwischen den Zähnen.

„Da hinten hängt es so komisch runter.“

„Hier??“

„Wieso ist da nix drin?“

„Da ist schon was drin“, erkläre ich, „die Sachen sind nur unsichtbar.“ Von der Leiter runter, das Sofa verschieben. Leiter wieder rauf.

„Häh?? Wieso?“ Der Junge fragt impertinent.

„Die werden erst morgen sichtbar.“

„Aber Mama, das kann nicht stimmen.“

„Klar stimmt das.“ Schwupps, schwupps, hier noch eine Klammer, dort noch feststecken, jetzt …

„Wenn die unsichtbar wären, dann könnte man das trotzdem fühlen. Ich fühle aber nix.“

Die Logik eines Kindes ist unbestechlich. „Die Sachen sind nicht nur unsichtbar“, erläutere ich betont beiläufig, „sie sind auch unfühlbar.“

„Achso“, Melek seufzt erleichtert und nimmt seine Finger aus den Beutelchen, „dann sag das doch gleich, Mama.“

Heute höre ich mir noch einmal die CD von Freddy, dem Esel, an. Die habe ich den Kindern zum ersten Advent geschenkt. Da geht es nämlich um Ehrlichkeit. *seufz* Und Vergebung.

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*Die Autorin übernimmt keine Verantwortung für die Richtigkeit dieser Angaben!

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