vergleichende Vergleichsproblematik

18. Dezember 2012 § 17 Kommentare

Das Problem mit den Vergleichen bei Zwillingen ist ja, dass einer immer „mehr“ von etwas ist und der andere „weniger“. Nimm eine beliebige Eigenschaft, zum Beispiel „Geduld“ und zwangsläufig ist ein Zwilling der Ungeduldige, weil der andere geduldiger ist, obwohl der Ungeduldigere möglicherweise auch noch recht geduldig ist.

Zugegeben, ich fand es schon mit einem Kind schwierig, nicht zu vergleichen. Da gibt es ja gleich diese Entwicklungskalender von irgendeinem Bundesamt oder -ministerium, die zwar in Zeitfenstern aber dennoch eine recht zügige Entwicklung beschreiben.

Der kleine Riesensohn war immer ganz hinten im Zeitfenster oder purzelte fast schon heraus. Dass er die Dinge, wenn sie denn kamen, quasi im Perfekt- und Intensivmodus durchlief, spielte dann keine Rolle.Also habe ich die U-Termine immer bis auf den letzten Drücker hinausgeschoben (was sich bewährt hat), den Logopäden nie ausgeschlossen, aber immer noch mal drei Monate abgewartet, geschaut, ob eine Entwicklung stattfindet und siehe da: Anscheinend habe ich meinen Sohn richtig eingeschätzt. Er spricht wie ein mehrbändiges Lexikon, philosophiert, denkt gründlich nach, klettert wie ein Affe, rennt wie ein Füllen und wird die Schule schon packen.

Die Zwillinge haben es naturgemäß noch schwerer, ihr Entwicklungskalender sitzt quasi neben ihnen.

Maxe spielt professionell Memory, Sohni spielt auch, aber er ignoriert hartnäckig die Regeln. Immerhin lässt er sich nicht mehr heulend zu Boden fallen, wenn ich dran bin.

Maxe haut die Bücher weg, wie andere ihren Korn, Sohni legt Domino-Karten aneinander und nimmt es nicht so genau mit Maya, Willy und Kassandra.

„Nee, das ist Willy, Sohni“, sage ich, „guck mal, Maya hat gelbe Haare.“

„Willy??“ fragt Sohni zurück. Niemand kann so süß `Willy´sagen wie ein dreijähriger Knabe im Erstauntmodus.

„Willy“, bestätige ich, „und das ist Kassandra.“

„Kassandra?“ fragt Sohni und sieht aus, als würde er sich am liebsten die Haare raufen. Stattdessen steckt er seinen Finger in die Nase.

Ist Maxe also klüger als Sohni? Ausdauernder, umsichtiger, höflicher?

Und auch fauler, cholerischer und dominanter?

Und Sohni dümmer, zappeliger und unhöflich? Sportlicher, sanguinischer und toleranter?

Ich halte es lieber so, wie ich es Melek erklärt habe, dass man Menschen nämlich nicht vergleichen kann. Nur Dinge. Der Turm ist höher als der andere. Dem Turm tut das nicht weh.

Nur Menschen tun Vergleiche weh. Ich kann besser rechnen. Schneller laufen. Der andere kann schon lesen. Höher klettern. Vergleiche machen traurig und verursachen Kriege. Vergleiche sind Dynamit im menschlichen Miteinander.

Ich bin ja so glücklich, dass ich das erkannt habe. Aber ich bin ja auch die vergleichsweise beste Mutter der Welt.

Jedenfalls für meine Kinder. 😉

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§ 17 Antworten auf vergleichende Vergleichsproblematik

  • Zusammen mit mir bist du die beste Mutter der Welt – ich habe das nämlich bei Tochter Eins auch irgendwann erkannt. Nachdem ich monatelang frustriert in der Babygruppe saß und meine Tochter sich weder auf den Bauch drehte, noch brabbelte, noch überhaupt irgendetwas konnte ausser ihre Flasche leertrinken, habe ich einfach beschlossen all diese Wunderkinder und Meilensteine zu ignorieren…und bin damit genauso glücklich geworden wie du…..;-)…ach ja, und mittlerweile ist sie 7, in der zweiten Klasse und irgendwie ganz normal…

    • Mara sagt:

      😉 Sohn Eins hat sich auch nicht gedreht. Ach, doch. Dreimal. Das hat dem Kinderarzt zum Glück genügt. Krabbeln erst ewig spät. Und dann krabbelte er endlich, da hieß es schon: Wie? Er läuft noch nicht? Ach, seufz. Liebe Grüße, Mara.

  • Viv sagt:

    Schön beschrieben! Das kommt mir sehr bekannt vor. Wir gehen zu den U-Untersuchungen auch immer erst auf den letzten Drücker 😉 Was meinst du was ich mir habe anhören müssen, als mein Kind einfach nicht krabbeln wollte? Von Sehstörungen bis hin zu schlimmen Entwicklungsstörungen war alles dabei! Da half es auch nichts wenn ich erklärt habe, dass weder mein Mann noch ich Krabbler waren. Bei uns liegt es in der Familie, dass man einfach irgendwann mit etwa 1 Jahr aufsteht und losläuft und sich in den Monaten davor höchstens bäuchlings über den Fußboden zieht. So war es dann letztendlich auch bei Fiona. Sowohl mein Mann und ich als auch Fiona erscheinen mir trotzdem irgendwie inzwischen ziemlich normal 😉

    P.S. Sehstörungen haben wir auch alle nicht ^^

    • Mara sagt:

      Tja, frag mal Mama in Ausbildung, da ist das Söhnchen auch nicht gekrabbelt, sondern ge-Po-rutscht, das war wohl auch ein Spießrutenlauf … Ich glaube, die Ärzte sind da so pingelig, weil wenn denn wirklich mal was ist, ja dann … . Ich bin da wirklich zwiegespalten. Gott sei Dank bin ich mit dem Kinderarzt da einer Meinung: noch mal ein paar Wochen abwarten und wenn sich dann immer noch nichts tut, dann lässt man das noch mal abklären. Die Qualitätskontrolle beginnt ja schon im Bauch und ich mag gar nicht an die Schule denken, da wird ja zwangsläufig noch mehr verglichen.
      Aber wir besten Mütter der Welt, wir machen das schon! Liebe Grüße, Mara.

      • MiA sagt:

        Ach ja, was eine wunderbare Zeit, als mein Sohn sich dazu hat hinreißen lassen, auf dem Popo zu rutschen! Die Leitertussi aus der Krabbelgruppe hat meinem Sohn quasi bescheinigt, dass er nicht normal ist. Es fehlte nur noch, dass sie auch noch sagt, dass er nie lesen können wird. Narf! Glücklicherweise bin ich recht entspannt, was das Thema angeht – Vergleiche hasse ich wie die Pest und lasse mich davon nicht kriegen. Klar, seltene Moment gibt es immer, wo ich denke, WOW, was die anderen Kinder alles schon machen! Na und? Dafür spielt mein Sohn alle erdenklichen Instrumente – natürlich im Kindermodus 😉
        Meine Kinderärztin ist zum Glück ebenso entspannt und hat sich über die Krabbelgruppentussi kaputt gelacht 😉

        Wir sind die besten Mütter der Welt, komme was da wolle =P Und es ist schön, dass hier so viele Mamas genauso sind, wie ich =)

  • Mamachaos sagt:

    Hier gibt es keine U-Untersuchungen, aber Vergleiche leider schon. Da ich auch soe eine beste Mutter der Welt bin und dazu noch zwei perfekte Kinder habe ist das für uns auch gar kein Thema 😉
    Im Ernst ich ertappe mich auch manchmal beim Vergleichen, aber spätestens als meine Mutter letztens meinte, dass Zweitgeborene eh immer fixer und schlauer wären als Erstegeborene stiess mir das sehr bitter auf. Vergleiche sind definitiv Mist!

    • Mara sagt:

      Oh, und was ich auch hasse, ist dieses: Seien Sie froh, dass Sie Jungs haben, Mädchen sind ja viiiiel zickiger. (Ich habe früher auch so gedacht, aber inzwischen denke ich da Gott sei Dank ganz anders drüber) Willkommen im Club der besten Mütter der Welt!

  • derkleinemuc sagt:

    Danke für den Beitrag, der öffnet mir noch werdenden Zwillingsmama schonmal die Augen. Ich fange nämlich jetzt schon an, mir sorgen um den ruhigeren Zwilling im Bauch zu machen, damit er seinem aktiven Zappelbruder in nichts nachsteht – und schwupps habe ich beide in eine Rolle geschoben, obwohl sie noch nicht mal da sind!

    • Mara sagt:

      Meine Liebe, sie sind ja schon da. Nur unsichtbar. 😉
      Man kommt um die Vergleiche nicht herum. Aber wenn man sich dessen bewusst ist, ist man schon einen Riesenschritt weiter. Liebe Grüße an Doppelmuc, Mara!

  • aleXXblume sagt:

    Sehr schön geschrieben, Mara! Ich bekomm da echt ein schlechtes Gewissen.. nicht, weil ich meine Kinder ständig vergleichen würde, sondern weil ich immer wieder und ohne es zu wollen in den „Mann, bist du unzulänglich“-Modus verfalle, wenn ich mich über irgendwas aufrege…. Obwohl ich ganz genau weiß, was solche Sprüche anrichten können, rutschen sie mir doch immer wieder raus. Und das macht mich ganz fertig. Verflixt, warum bekomme ich das nicht in den Griff?

    • Mara sagt:

      Vielleicht steckt da ein klitzekleiner Perfektionist in dir, der genau sieht, wie es „richtig“ geht? Aber abgesehen davon stelle ich fest, dass meine Kinder meine Entschuldigungen und Erklärungen bereitwillig annehmen, wenn ich sie ungerechterweise angepflaumt habe. Für deine Kinder bleibst du aber die beste Mutter der Welt! 😀 Ganz liebe Grüße, Mara!

      • aleXXblume sagt:

        Dieser blöde Perfektionist ist alles andere als klitzeklein…. und abgesehen davon gibt es wirklich haufenweise Dinge, für die man keinen Perfektion fordernden Einflüsterer braucht, um sich drüber zu ärgern – z.B. wenn der Große zum millionsten Male irgendwo ein Fenster aufgelassen hat und drunter läuft eine Heizung auf Hochtouren. *grrrr* Und zum Glück kann und will ich mich auch entschuldigen, wenn die Dinge mal schief liefen. Trotzdem… ich weiß, wie sehr Negatives nagen kann, auch wenn man sich noch so oft dafür entschuldigt. 😦

      • Mara sagt:

        Achsowas!
        Hier die ganz persönliche Mara-Strategie, die sicherlich nicht für jeden geeignet ist. Mir aber verleiht sie Unaufgeregtheit, weil ich nicht schimpfen oder Strafen verhängen muss, sondern die Dinge so laufen lassen kann. Sie heißt „Logische Konsequenz“.
        Bei uns geht das so:
        Wenn der kleine Riesensohn seine Klamotten nicht in den Wäschekorb bringt, hat er halt bald keine Lieblingshosen mehr und muss die großen, unbequemen anziehen.
        Wenn die Kinder keine Zähne putzen wollen, gibt es keine Süßigkeiten mehr, weil Süßigkeiten die Zähne krank machen, wenn man sie danach nicht putzt.
        Wenn der kleine Riesensohn nie wieder auf mich hören will und nie wieder das tut, was ich ihm sage, reagiere ich bei seinen Fragen auch nicht mehr.
        Bei dem Fenster (es hängt davon ab, welches) ginge es vielleicht so. Wenn der Große sein Zimmerfenster offen lässt, Heizung abdrehen. Begründung: Lüften ist gesund, aber das Heizöl ist teuer.
        Wenn es im Bad ist und ihr evtl. noch ein zweites habt, dann darf er nur noch das zweite benutzen, in dem die Heizung gar nicht erst angeschaltet ist. Du bist doch kreativ, falls dir meine Methode zusagt, fällt dir sicher etwas ein.
        Beim kleinen Riesensohn argumentiere ich bei offener Zimmertür auch so, dass ich die Heizung ausmache, wenn die Zimmertür offen ist. Das hilft fast immer, und wenn ich ihn daran erinnere, macht er die Tür sofort zu. Und ich kann immer schön freundlich bleiben.

      • aleXXblume sagt:

        Nuja… genau so handhabe ich es auch. Trotzdem jucken die einen onder anderen Konsequenzen die Meute einfach null. Bei unserem Großen geht am besten noch was übers Taschengeld. Es klingt hart, aber wenn ich ihm jedes Mal, wenn er Strom oder Heizung sinnlos vergeudet, einen kleinen Betrag für dieses zum Fenster herausgeworfene Geld abknöpfe, dann tut das noch am meisten weh – was ihn komischerweise trotzdem nicht davon abhält, es wieder und wieder zu vergessen. Er ist einfach wahn-sin-nig vergesslich! Ich versuche ihm schon zu helfen mit Checklisten, die wir gemeinsam anlegen, aber wer dann die Checkliste vergisst, darfst du drei mal raten! *hmpf*

    • aleXXblume sagt:

      Vielleicht sollte ich noch anfügen, dass Heizung ausmachen komplett an ihm vorbeigeht, da er dann halt einfach friert, bzw. mehr anzieht. Auf die Idee, dann das Fenster zu schließen und / oder die Heizung wieder einzuschalten, kommt er ewig nicht. Er ist viel zu sehr in anderen Welten, um derart „irdischen Firlefanz“ wahrzunehmen. Und deshalb nimmt er sowas auch nicht als Konsequenz wahr, sprich: er ändert auf so eine Aktion hin sein Verhalten auch nicht.

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