Mini-Lück

27. Dezember 2012 § 18 Kommentare

Der Freitag vor Weihnachten wurde eingeläutet mit Zahnweh. Maxe schrie vor Schmerzen, deutete auf den grau verfärbten Zahn (wir berichteten) und jammerte: „Aua Dahn.“

Wie gut, dass der spezialisierte Kinderzahnarzt nur zwei Straßen weiter seine Praxis hat und wie gut, dass sie keinem Weihnachtsurlaub zum Opfer gefallen ist. Außerdem war gut, dass wir um neun Uhr einen Termin bekamen und dass über den Bildschirm über dem Behandlungsstuhl Shawn, das Schaf, lief. So öffnete Maxe bereitwillig sein Mündchen und ließ Dr. Tüt den Gaumen befühlen.

„Kein Abzess, aber der Zahn sollte schon raus“, lautete die Empfehlung und damit war unser Tag verplant.

Drei Ärzte und vier Meinungen später landeten wir in der hiesigen Uniklinik, wo sich die Mutter des Knaben mit der versammelten Belegschaft des Mund-Kiefer-Gesicht-Chirurgie-OP darüber stritt, ob es sinnvoll wäre, bis zum Einschlafen des dreijährigen Kindes, das seit 18 Stunden wie eine Briefmarke an ihr klebte, dabei zu sein. Da die mütterliche Seite einstimmig dafür plädierte, der zuständige Anästhesist jedoch dagegen und nicht umstimmbar war, verlangte sie ein Rezept für ein Antibiotikum, um die notwändige OP bis nach die Feiertage verschieben zu können, was der Ärztemeinung 1 und 3 entsprach, nicht jedoch der Meinung von Arzt 4, der mir einen schlimmen Fehler prophezeite, bevor er die Mutter im Flur der Abteilung stehen ließ, wo sie (inzwischen heulend) von Pfleger Gabriel aufgesammelt wurde, der zwischen den Fronten vermittelte, woraufhin ein OP-Termin mit einer anderen Anästhesistin und mit der Mutter im OP (bis zum Einschlafen) nun plötzlich doch möglich war. Den fünfseitigen Beschwerdebrief veröffentliche ich hier gerne, wenn ich ihn noch einmal überarbeitet habe.

Zehn Minuten nach dem Einschlafen hatte ich meinen Sohn vollständig wieder, auch den Zahn, nur dieses Mal im Plastikröhrchen. Ich wußte gar nicht, dass Milchzahnwurzeln so lang sind.

Ein Antibiotikum gab es dann doch, „zur Sicherheit, damit sich nichts entzündet“, vielleicht auch, damit die Mutter auf keinen Fall während der Feiertage die Station betreten würde. Wie dem auch sei, seit heute geht es Maxe wieder gut, jedenfalls ist der Kaugummikonsum wieder sprunghaft angestiegen. Am Montag kaufte der beste Eheman von allen noch rasch Kartoffelpüree, und wir änderten kurzfristig die Menüplanung. Spinat ist doch auch ganz lecker und Frikadellchen muss man ja nun nicht so scharf anbraten, dass sie eine Kruste bekommen. Die Krokettchen wurden eben für Herrn Mini-Lück geschält, und allen hat es geschmeckt.

Und Maxe lächelt wieder, ganz allerliebst. Mit der kleinen Zahnlücke sieht er sogar noch süßer aus.

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§ 18 Antworten auf Mini-Lück

  • aleXXblume sagt:

    Oh Mann, was für ein Krimi! Ich kann nicht verstehen, dass es immer noch Gang und Gebe ist, (Puh, wie schreibt man das? So…?) kleine Kinder in solchen Situationen alleine zu lassen. Haben die noch alle? Und vor allem: Was soll das, es gibt keinen triftigen Grund dafür. Auf den Brief bin ich gespannt!
    Und das mit dem Antibiotikum ist m.E. schon gut so, denn es kann gut sein, dass da noch ein Rest des entzündeten Nervs übrig ist und der sollte unbedingt in Ordnung kommen.
    Auf jeden Fall wird diese Story sicher jedes Jahr aufs Neue bei euch in der Familie wieder erzählt werden…. weißt du noch, damals das Weihnachten mit dem kaputten Zahn…..

    • Mara sagt:

      da magst du recht haben. weißt du noch, damals, als …
      jedenfalls bin ich im nachhinein froh, dass ich mich so entschieden habe, denn der druck („Sie machen einen gewaltigen Fehler!“) war wirklich hoch.

  • Franziska sagt:

    Oh Mann, Du tust mir echt leid, was für ein Stress, und das sogar am Tag des Nichtweltuntergangs. Der Mann hat offensichtlich selber keine Kinder und null Mitgefühl.

    Aber ich freue mich, dass dann doch noch etwas Weihnachtsfriede bei Euch eingekehrt ist und Ihr den traditionellen Weihnachtsspinat geniessen konntet! Ich hoffe, Silvester wird bei Euch weniger aufregend 🙂

    • Mara sagt:

      Genau, Kartoffelbrei und Spinat schmecken doch immer prima 😉 ; inzwischen geht auch wieder Brot – aber ohne Kante. Das mit dem Null Mitgefühl mag sein. Ich glaube, der wollte einfach nur schnell nach Hause.

  • MiA sagt:

    Oh weh, oh weh, so was fehlt einem dann immer noch vor den Feiertagen! Ihr Armen und was ein Drama wegen der OP! Ich freue mich, dass es euch heute wieder so gut geht!

  • bei uns im op ist es auch „normal“, dass die eltern nur bis zum awr dürfen. in der endoskopie ist das umgekehrt. dort dürfen eltern sogar zusehen, wenn sie es möchten und die „richtigen“ leute da sind. 🙂
    ich frag‘ mich, wieso in dieser hinsicht noch so viel theater gemacht wird. als ich 6 war und mit einer fraktur knapp an einer op vorbeigekommen bin, hätte ich ohne bezugsperson gestreikt, weil ich angst vor der spritze gehabt hätte.^^
    allerdings sind die meisten sehr gut prämediziert. es ist echt lustig, die bekifften kleinkinder zu beobachten. 🙂 die lassen sich ganz problemlos von ihren narkosedocs „abtransportieren“. blöd für mich, wenn’s gutaussehende ärzte sind! 😀

    • Mara sagt:

      das hatte ich dem arzt angeboten, dass maxe einen schlaftrunk in der schleuse bekommt. die antwort war: S i e bieten m i r gar nichts an. 😦

      • dann hat der typ keine ahnung von kinderanästhesie… dass sowas auf (kleine !) patienten losgelassen wird! O.o
        in der regel bekommt jeder, auch erwachsene eine prämedikation…
        ich werde wegen meines stammgaststatusses gefragt, ob ich überhaupt eine will, da ich das nicht mehr aufregend finde. (inoffziell: weil das blöde midazolam das angenehme schewbegefühl des opiats zerstört! hahaha)

      • Mara sagt:

        das wort prämedikation werde ich auf jeden fall noch einbauen. das klingt gut! 😀
        weißt du, ob und wenn ja, wo es studien gibt, die meine gefühle in wissenschaft packen?
        liebe grüße an alle leserinnen (und an den leser 😉 ), ich wünsche euch eine gutes neues jahr!
        mara.

      • da frage ich mal die docs in der anästhesieambulanz. durch „thieme campus“, wo man kurzlehrbücher bis zum 13.1. kostenlos ansehen kann, fand ich im anästhesiebuch folgenden satz:

        „UNTER PRAKTISCHEN GESICHTSPUNKTEN HAT ES SICH BEWÄHRT, DIE ANWESENHEIT DER ELTERN BIS ZUM EINSCHLAFEN DES KINDES ZUZULASSEN.“

  • Monique sagt:

    Ach Mensch Mara, so ein Schiet aber auch! Ich kenn das allerdings auch so, dass die Eltern bis zum Einschlafen beim Kind bleiben dürfen. Und ich hab das schon bei diversen OPs (von Augen-OP beim Sohn über Trommelfellplastik incl diverser Kontrollen in Vollnarkose bei meiner Kleinen) mitgemacht. Schön ist was anderes… Allerdings ist der „Sandmann“ mittlerweile Helenas bester Kumpel; beim letzten Mal hat sie sich – ganz Prinzessin – von ihm auf dem Arm und huldvoll winkend in den OP tragen lassen. Sie hat aber glücklicherweise immer denselben Anästhesisten, den kennt sie schon mit Vornamen. An deiner Stelle hätte ich ein Riesenfass aufgemacht!

    Nichtsdestotrotz wünsche ich dir ein wundervolles 2013, ohne allzu große Katastrophen

    • Mara sagt:

      Ich wünsche dir auch ein allerbestes neues Jahr! 🙂
      Ganz verstanden habe ich das jetzt nicht. Also Helena muss ohne Elternbegleitung in den OP, der Sohn durfte aber mit Elternbegleitung? Jetzt habe ich bei Herrn Largo („Kinderjahre“) ein zitierfähigen Satz gefunden. Vielleicht finde ich ja noch eine Studie zum Thema … jedenfalls Maxe geht es wieder richtig gut und ein Trauma hat er offensichtlich nicht.
      Ganz herzlich!
      Mara.

  • Monique sagt:

    Nicht ganz, Mara. Wir durften bei beiden Kindern in der OP-Schleuse bleiben, bis sie einschliefen. Es gab dort sogar eine „Kinder-Schleuse“ mit Büchern, hübschen Bildern (Lauras Stern z.B., Helena war begeistert) und wer wollte, durfte zur Ablenkung kurz eine DVD schauen, damit der Piks nicht so weh tut. Aber Helena ist
    mittlerweile Profi in diesen Dingen und kannte den Anästhesisten (es war immer derselbe, und nach mehreren Vollnarkosen war sie etwas entspannter – Mama nicht) und wurde beim letzten Mal gefragt, ob er sie auf dem Arm mitnehmen dürfe. Und sie wollte, also zog sie mit ihm ab. Hinterher erzählte sie mir, dass der Arzt und die Pfleger Spiele mit ihr gespielt hätten, z.B mit einem „Krokodil“ (dieses Ding zur Überwachung der Sauerstoffsättigung), welches ihr in den Finger beisst. Die haben es da wirklich toll gemacht mit ihr. So kann es also auch gehen. Und ich bin auch sehr glücklich drüber, da ihr der ganze OP-Marathon noch bei ihrem anderem Ohr bevorsteht. Du wohnst leider nicht in meiner Nähe, die Klinik würde ich dir sonst wärmstens empfehlen.
    Viele Grüße

    • Mara sagt:

      Ui, empfehle sie mir trotzdem; dann empfehle ich sie in meinem Brief weiter – als Vorbild. Nur wenn du magst … Einschlafen in der Schleuse. Genau das habe ich ja vorgeschlagen. Das ginge nicht, aus „versicherungsrechtlichen Gründen“. Achja, seufz. Deiner kleinen Maus wünsche ich für alle zukünftigen OPs gute Nerven! Ui, da macht ihr ja was mit! Ich freue mich, dass ihr es so gut getroffen habt! Ganz liebe Grüße und vielen Dank für deine ausführlichen Antworten!
      Mara.

      • Monique sagt:

        Die Augen-OP vom Sohn wurde im Klinikum Nord (Heidberg) und Helenas Trommelfellplastik im AK Altona – beide Kliniken sind in Hamburg – durchgeführt. Viel Glück mit deinem Brief und alles Gute für deinen Maxe. So ein Zahnlücke hat ja auch Vorteile! Man kann mit dem Strohhalm trinken, ohne die Zähne auseinander machen zu müssen 😉

      • Mara sagt:

        Ach, ich habe mich schon so daran gewöhnt … Und das mit dem Strohhalm ist eine süße Idee, werde ich gleich mal anbringen. Liebe Grüße in den Norden!

  • MamaOTR sagt:

    Das ist echt völlig unmöglich, aber absolut kongruent mit meinen Erfahrungen. Man muss nur insistieren als Mutter, dann klappt das dann irgendwann schon. Aber es ist eine Sauerei, dass es so ist. Mit unseren Ängsten wird gespielt, das ist nicht okay!!! Und die Kinder werden herumgeschoben, das ist noch viel weniger okay!

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