Chef mit zarten Nerven

8. Januar 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Nach einem Jahr Liedergarten (für die zwei bis dreijährigen) haben wir Verlängerung bekommen. Weil die Zwillinge immer noch nicht sprechen. Obwohl, ich finde, es klappt schon ganz gut. Jedenfalls geben sie jetzt den Ton an.

„Welches Lied wollt ihr denn singen?“ fragt Frau Fisch, die den Liedergarten leitet, in die Runde.

„Backe, backe, Duchen!“ juchzt Sohni und singt auch gleich mit.

Maxe singt noch nicht mit, hat aber genaue Vorstellungen davon, welche Lieder gesungen werden sollen: „Bär!“ Wir singen also das Lied mit dem dicken Tanzbären, der aus dem Wald kommt. Ratespiel für ängstliche Mütter. Wenn wir nicht richtig raten, droht ein Wutanfall.

Sohni ruft: „Oh, Tannebaum!“ Nanü, woher kennt er das denn? Er schmettert aber erstaunlich laut mit.

Sowieso macht Sohni Fortschritte. Ob man ihn dann versteht, ist ein anderes Paar Schuhe, aber ich entdecke immer mehr Satzpuzzle, die, wenn man sie mit ein bisschen guten Willen ein wenig anders anordnet als der Sprecher, plötzlich einen Sinn ergeben.

„Ette gehn Iha, jaaa!“ (<- bitte mit zur Verdeutlichung mit dem Kopf nicken und die Augenbrauen ganz hoch ziehen) bedeutet in etwa: Mia (Sohnis allerliebste Freundin) geht schon auf die Toilette. Bei unseren Toilettendiskussionen ziehe ich jedoch immer noch den Kürzeren:

Mama: „Sohni, große Jungs gehen auf die Toilette. Versuch es doch wenigstens mal!“

Sohni: „Mama, nein goße Jungs ette gehn!“

Außerdem experimentiert Sohni mit dem Präteritum. Neulich zum Beispiel hatte er einen meiner heiß geliebten Ohropax-Schaumstoff-Kegel in seiner noch schlafwarmen Hand, den er wohl in seinem Zimmer gefunden hatte: „Zimmer fundet!“

Oder, auch sehr schön: „Bettefallt!“ Sohni ist aus dem Bett gefallen. Das kommt ab und zu mal vor, aber bisher sind noch alle Gliedmaßen heile geblieben. Nur die Eltern zanken im Ehebett darüber, wer nun aufsteht und das Kind wieder ins Bettchen hebt.

Aufgrund des erhöhten Wortausstoßes kommt es inzwischen sogar zu Tischgesprächen, an denen sich alle beteiligen. Das letzte Thema, an das ich mich erinnern kann, war die Frage, welches der Mädchen aus Meleks Säbelzahntigergruppe wohl das wildeste wäre. „Auch Mädchen haben!“ gab Sohni Geheimnisse aus der Elefantengruppe preis. Übrigens sind alle Mädchen gleich wild. Jedenfalls in der Säbelzahntigergruppe.

Sohni ist auch Chef.

Gestern haben wir Elmar besucht, und damit die Erwachsenen sich einmal wie Menschen unterhalten können, habe ich meine Söhne zum Krachmachen ins Kinderzimmer geschickt. Das geht inwischen ganz gut, ohne dass Blut fließt und Knochen splittern. Weil Maxe aber gerade das Tamburin entdeckt hatte, blieb er vor dem Regal hocken.

„MADSE AU ZIMMER GEHN!“ schreit Sohni.

„Sohni, du bist hier nicht der Che-ef“, erinnere ich meinen Sohn.

„DOCH IIE CHEF BIN!“ (Und „Chef“ immer schön mit „CH“ wie in „Koch“ aussprechen)

Die Mutter seufzt.

Manchmal artet das mit dem Chef auch in Königsallüren aus. Wenn Elisabeth morgens Dienst hat, setzt sich Sohni an den Frühstückstisch und sorgt für sein leibliches Wohl: „Bot, Eli! Unn Milchchaum!“ Der Tonfall alleine genügt, um das unhörbare „Zackzack!“ doch noch hörbar zu machen.

Apropos Milchschaum. Den liebt er über alle Maßen. Ich kann sogar mit gutem Gewissen behaupten, dass Sohni sich ausschließlich flüssig ernähren würde, wenn wir ihm nicht regelmäßig das Glas von den Lippen reissen würden. Da liegt es doch nur nahe, dass der heiße Tipp, Maxe wolle sicherlich „Milchchaum“ aus der Sohni-Ecke kommt. Maxe will aber „um“ und weil das niemand versteht, versuchen alle Familienmitglieder panisch, den Mäxischen Wutanfall zu verhindern.

„Der will bestimmt eine neue Hose, Mama“, schlägt Melek vor.

„Willst du Honig?“ erkundigt sich der Papa einfühlsam.

Ich weiß es auch nicht, und also haben wir verloren. Maxe rennt heulend aus dem Zimmer und schmeisst brüllend die Tür hinter sich zu. Merke: Väterliche Bemerkungen wie „Der kommt ganz nach dir“ sind in diesen Momenten nicht wirklich hilfreich. Übrigens fallen solche Bemerkungen nie, wenn Maxe seine 64-Teile-Puzzles löst

Zurück zum Chef. Auch folgendes Beispiel beweist, dass Sohni noch ein wenig an seiner Sanftmut feilen sollte.

„Männer“, gebe ich klare Anweisungen, als wir alle mit schlammverschmierten Schuhen den weiß gekachelten Flur betreten, „die Schuhe bitte hier auf der Matte ausziehen.“

Sohni hört, Maxe latscht drüber hinweg zum Schuhregal.

Sohni explodiert: „NEIN MADSE DA GEHEN NEIIIIN! NEIIIIN DA GEHEN CHUHE AUS!“

Maxe explodiert auch. Wer will schon gerne angeschrien werden?

Maxe schreit Sohni an. Sohni schreit Maxe an. Ich schreie Sohni an. Sohni bricht heulend zusammen.

Mein kleiner Chef. Immerhin mit schwachen Nerven. Ganz wie ich.

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