Der tägliche -ismus

29. Januar 2013 § 7 Kommentare

Gestern habe ich mich durch die Materie gelesen und freue mich nun so sagenhaft an #aufschrei, dass ich hier gerne einige Artikel verlinken möchte.

Was ist #aufschrei? (Hier die Zusammenfassung der Süddeutschen Zeitung)

Nach den Artikeln zweier Journalistinnen, Laura Himmelreich vom Stern, und Annett Meiritz vom Spiegel, die über sexuelle Belästigung bzw. üble sexuelle Nachrede während ihrer Recherchen als Journalistinnen gab ein Blogartikel von Kleinerdrei den Anstoß, einen Hashtag namens #aufschrei auf Twitter zu nutzen, um die täglichen Belästigungen, denen Menschen täglich ausgesetzt sind zu sammeln. Herausgekommen ist eine massenhafte Beteiligung. Besonders schön finde ich, dass deutlich wird, dass nicht „die Männer“ die Bösen sind, sondern „die Arschlöcher“(leider finde ich den Tweet nicht mehr), es gibt Wortmeldungen von Männern, die sich stellvertretend schämen, natürlich auch sehr viel Spott und Häme, aber im großen und ganzen spürt man eine Welle der Solidarität und vor allem: Es ist eine Erleichterung zu lesen, denn endlich gibt es Worte und einen Kanal, der die Demütigungen sichtbar macht.

Erlebe ich in meinem eher gemütlichen Stadtteil auch sexuelle Belästigungen?

Immer weniger. Vielleicht liegt es an meinem Alter oder daran, dass ich immer einige Kinder dabei habe. Belästigungen gibt es auch, aber tatsächlich eher von älteren Damen, die sich ungefragt in die Erziehung meiner Kinder einmischen („Kindern, die die Zunge herausstrecken, wird die Zunge abgeschnitten“). 😦

Zu Studentenzeiten gab es die aber sehr wohl. Sie reichten von „Hey, Süsse, willste mal in einem Porno mitspielen?“, über unverhohlene Blicke auf meinen üppigen Busen („Wieviel wiegst du denn?“) oder Anfragen zur gemeinsamen Freizeitgestaltung von wohlgemerkt wildfremden Männern („Wollen wir zusammen ins Schwimmbad gehen?“) und klar hörte ich mit, wenn auch Studentinnen meines Studienganges abfällige Anzüglichkeiten von sich gaben („Dumm f*ckt gut.“).

Vielleicht wird man in dieser Welt auf diese Weise sozialisiert, denn in Kindheit und Jugend gab es diese Erlebnisse auch. Da gab es den unverhohlen gerne Pornos guckenden Freund der Mutter („Wenn deine Mutter weg ist, kann ich endlich ungestört Pornos gucken.“), der der damals 10jährigen Mara einen eben solchen vorspielen wollte (und von der Freundin wenngleich mit verschämtem Lachen Gott sei Dank unterbrochen wurde), da wäre der Onkel, der ohne anzuklopfen ins Zimmer trat, wo Mara sich gerade nackt, weil im Umziehen begriffen, befand. Statt sich entschuldigend zurückzuziehen, fragte er, ob sie ihm nicht ihre jungen Brüste zeigen wolle, und bat sie dann nichts von diesem Erlebnis zu erzählen, damit die anderen ihn nicht „für einen geilen Bock“ halten. Seitdem (und schon vorher) hielt Mara ihn dafür und lebte immer in einer Art schrecklichen Glasglocke, wenn ihre Familie ihn oder seine Familie sie besuchte. Von seinen ätzenden ständigen Bemerkungen über ihre Figur, ihr Aussehen und ihrem angeblich asozialem Verhalten, mal ganz zu schweigen. Dass er sie später niederschlug und ihre gesamte Familie die Augen schloss und tat, als sei nie etwas passiert, setzte den Schlusspunkt. Da wäre noch der Cousin, der ungeniert über sein Bedürfnis, „nackte Titten“ sehen zu wollen, philosophierte oder der eigene Vater, der mit zotigem Lachen über die Unterwäsche der Krankenschwester oder die Dummheit der Frauen, wenn sie nicht „Nein“ sagten, herzog.

Noch einmal zurück zur Debatte: Die Mechanismen sind auf allen Ebenen die gleichen und wenn es nicht so traurig wäre, könnte ich jetzt darüber lachen, dass die FDP-Männchen mit dem Argument, der Stern-Artikel ginge unter die Gürtellinie und sei eine Unverschämtheit, daherkommen, nachzulesen hier.

All das führte dazu, dass ich niemals etwas mit Männern zu tun haben wollte, und ich bin dem Himmel dankbar, dass ich dann doch noch den besten Ehemann der Welt erwischt habe. Nun habe ich drei kleine Männer im Hause und bin trotz all der Erfahrungen zuversichtlich, ihnen ein gutes Vorbild geben zu können. Ich musste das alles aber ersteinmal verarbeiten.

Weitere Meinungen:

Erziehung und twitter hashtag #aufschrei gegen sexualisierte Gewalt von mama-arbeitet

Das Kreuz mit dem ismus von aebby

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§ 7 Antworten auf Der tägliche -ismus

  • tine sagt:

    Ach du meine Fresse, da hast du ja viel Schei*e erlebt.
    Respekt für den Mut, in deinem Blog darüber zu schreiben! Ich werde auch noch in dem Aufschrei-Blog posten.

    Ein verwandtes Thema: vor längerer Zeit stand im Zeit-Magazin ein Artikel darüber, dass erwachsene Frauen ungewollten GV mitmachen, selbst ohne durch körperliche Gewalt oder Abhängigkeiten dazu gezwungen zu werden. In vorauseilendem Gehorsam sozusagen.
    Ich habe mich damals lange gefragt, woran das liegen kann. Inzwischen kann ich es viel besser verstehen. Viele von uns wurden dazu erzogen, brav und nett zu sein und es ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es fast schon was freiwilliges hat. Weil wir uns nicht bewusst sind.
    Erzieh du deine Jungs nach eurem Vorbild, und ich meine Mädels auch so, dass sie den Quatsch nicht mitmachen!

  • Lulu sagt:

    Ich habe mit 15 oder 16 dem Freund meiner Mutter das Pornoschauen am Sonntag Vormittag, während meine Mutter in der Küche stand, abgewöhnt, indem ich mich nicht mehr in mein Zimmer zurückzog, sondern einfach ins Wohnzimmer setzte und die dämliche Handlung kommentierte und logisch hinterfragte. Das war der letzte Porno, den er ansah, wenn wir zuhause waren.

    Das An-meinem-Schlüsselloch-Hängen, die-Badezimmertür-aufreißen-wenn-ich-die-Dusche-abstelle und ähnliche Nettigkeiten habe ich ihm leider nicht abgewöhnen können.

    😦

    Definitiv eins der „Arschlöcher“.

  • Mamachaos sagt:

    Ich würde dich am Liebsten kurz drücken.
    Ich finde es so gut, dass dieses Thema jetzt mal auf die Tapete kommt, bin aber auch erschrocken über die Ausmasse. Wahnsinn! Ich dachte ehrlich bis vor Kurzem noch das Problem läge bei mir, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, verstehe ich das gar nicht mehr.
    Ich bin sehr froh für dich, dass du den besten Ehemann der Welt doch noch gefunden hast. Danke für das Auschreiben und Teilen!

    Liebe Grüsse
    Nathalie

    • Mara sagt:

      Ich drück dich auch. Wenn ich nicht schon eine gewisse Distanz zu diesen Dingen erlangt hätte, hätte ich sie nicht gepostet. Es tut mir jetzt im Nachhinein aber ungeheuerlich gut, dass diese übergriffigen Worte und Handlungen ein Echo hervorrufen und eben keine Kleinigkeit sind.

      • Lulu sagt:

        Das sind sie definitiv nicht! Und schuld sind auch nicht diejenigen, denen sowas passiert, sondern die, die es tun. Und ja, auch die, die davon wissen, aber nicht eingreifen.

        Hätte ich ein Kind, egal wie alt, und mein Freund (er würde sowas nie tun) würde diesem Kind einen Porno zeigen wollen, anzügliche Bemerkungen machen oder sich dem Kind gegenüber voyeuristisch / exhibitionistisch verhalten, dann flöge dieser Mann aus meiner Wohnung und meinem Leben.

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